Predigtarchiv

Wenn Grabtücher zu Engeln werden
vom 17.04.14, 16:15    Rubrik: Predigten

Eben lag er noch da. Dieser Jesus. In der Grabeshöhle. Ans Kreuz hatten sie ihn genagelt. Elende gestorben ist er dort. „Es ist vollbracht“, hat er noch ausgerufen. Dann ist er verstorben. Irgendwann später kam Josef von Arimathäa. Der holte sich die Erlaubnis, den Leichnam vom Kreuz herunterzunehmen. Und Nikodemus, ein anderer Freund Jesu, salbte den toten Körper mit teuren Ölen ein. Und wie es bei den Juden üblich ist, wickelten die beiden ihren verstorbenen Freund in wohlriechende Leinentüchern. Über 4 Meter lang. Mehr als einen Meter breit. Zeichen des Todes und der Endgültigkeit. Ausdruck des Wartens und des Hoffens auf die Auferstehung. Hilfsmittel, um den Leichnam vor Ungeziefer und Verfall zu schützen. Um das bisschen, was bleibt, möglichst lang zu erhalten.


Eben lag er noch da. Dieser Jesus. In der Grabeshöhle.


Aber jetzt, jetzt ist er weg. Und zurückgeblieben ist sein Grabtuch.

Die Leinentücher, die ihn umgeben haben. Der Stoff, der ihn schützen und bewahren sollte.

Jesus ist auferstanden. Aber noch haben es die Menschen nicht verstanden. Die Frauen denken, die Friedhofsarbeiter hätten ihn woanders hingelegt. Sie holen die Männer. Die Jünger. Die Freunde Jesu. Sie kommen angerannt, schauen in das leere Grab. Sie blicken in die Höhle hinein und sehen doch nur die Leinentücher. Petrus ist noch mutiger. Er betritt die Gruft. Die Grabestücher duften noch von den teuren Ölen. Auch das zusätzliche Schweißtuch findet er. Feinsäuberlich zusammengelegt. Es wird nicht mehr gebraucht. Aber sie verstehen nicht.


Maria fängt an zu weinen. Voller Traurigkeit und Unsicherheit. Wo ist mein Herr? Mein Freund? Mein geliebter Jesus? Wo ist er?


Auf einmal sieht sie zwei Engel, dort wo eben noch die Grabestücher gelegen haben. Sie erkennt sie nicht. Aber es sind Engel. Engel von Gott. Sie redet mit ihnen, kann ihre Fragen loswerden. Ihre Not.

Auf einmal hört sie ihren Namen. „Maria! Maria!“ Da erkennt sie. Es ist Jesus. Jesus Christus. Der Gekreuzigte. Der Auferstandene. Der Menschensohn, der den Menschen Gott so nahe gebracht hat. Es ist Ostern.


Und jetzt sind sie hier, die Grabestücher. Sie umarmen und umschlingen ganz zärtlich das Kreuz, Sinnbild des Todes und der Gewalt. Sie erinnern an Trauer. An Schmerzen. An Sorgen und Zerbrechlichkeit.


Als Maria auf die Totentücher starrt, fängt sie an zu weinen. All der Schmerz der letzten Tage bricht aus ihr heraus. Wie bitter ist sein Tod! Was soll nur aus ihr werden? Warum musste Jesus sterben? Er wird mir fehlen.


Aber dann sieht sie zwei Engel. Eine geheimnisvolle Verwandlung. Die Grabestücher werden zu Lichtern der Hoffnung. Und selbst die Engel verwandeln sich. Letztendlich spricht aus ihnen der auferstandene Christus heraus. „Maria!“


Die Totentücher werden zu Boten neuen Lebens. Sie verkünden die Auferstehung von den Toten. Sie predigen Gottes Schöpfermacht. Sie sind Sinnbild für einen Neuanfang.


Sie reichen übrigens hinunter bis zu den Blumen. Sie erreichen selbst uns hier auf dem Friedhof. Sie strecken sich in unser Leben hinein.


„Als Maria nun weinte, sah sein zwei Engel!“


Was sind Ihre Tränen?

Was bereitet Ihnen Sorge?

Welchen Schmerz tragen Sie tief in sich?

Welche Gedanken quälen Ihren Alltag?

Welche Ängste haben Sie?

Grabestücher. Das sind Ihre Totentücher.


Aber es ist Ostern.


Ihre Tränen verkünden im Namen Jesu, des Auferstandenen, den Trost.

Ihre Sorgen predigen im Namen Jesu, des Auferstandenen, Gottes Nähe.

Ihr Schmerz erzählt in Jesu Namen von Gottes heilenden Berührungen.

Ihre Qualen verwandeln sich im Angesicht des Auferstandenen in Hoffnung.

Und Ihre Ängste werden im Namen Jesu, des Auferstandenen, zu Hinweisen auf einen Neuanfang.


„Als Maria nun weinte, sah sein zwei Engel!“


Die Grabestücher verwandeln sich zu Boten des Lebens.

Die Totentücher werden zum Bekenntnis der Hoffnung.

Die Leinentücher werden zum Sinnbild der Auferstehung.


Es ist Ostern. Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.




Gott hat in Jesus den Tod verwandelt. Gott hat durch sein Wirken den Grabestüchern eine Bedeutung gegeben. Der Leinenstoff, der vorher in aller Härte das bisschen Körper, das geblieben ist, konservieren und schützen wollte, wird jetzt zu einem Engel. Zu einem Boten des Lichts und des Lebens. Die Grabestücher, die eben noch den Tod versiegelt haben, fließen jetzt wie ein Lichtstrom vom Kreuz in unser Leben.


Maria hat nicht verstanden. Petrus hat nicht verstanden. All die anderen haben nicht verstanden, was dort an diesem Morgen geschehen war.


Und wir. Wir verstehen vielleicht auch nicht. Aber wir dürfen auf die Leinentücher schauen. Wir dürfen sehen, dass selbst das Schweißtuch feinsäuberlich zusammengelegt ist. Der Tod verwandelt sich. Da sieht sie zwei Engel sitzen. So weiß, wie die Leinentücher.


VON: JOHANNES 20,11





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Stand:  18.04.2010 21:58