Predigtarchiv

Karfreitag: Ein letzter Blick vom Kreuz
vom 16.04.14, 09:16    Rubrik: Predigten

Da hängt er nun. Dieser Jesus, der Christus. Am Kreuz. Eben hatte er noch die Dornenkrone auf dem Kopf. Soldaten hatten sie ihm , geflochten, um ihn zu verspotten. Ins Gesicht geschlagen haben sie ihm dabei, dass ihm Nase blutete. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Am Kreuz.

Und dann dieses Taktieren von Pilatus. Ein widerliches Schauspiel. Er wollte seine Hände in Unschuld waschen. Wollte nichts damit zu tun haben. Aber auch hat jetzt keine Bedeutung mehr. Am Kreuz.

Und wie sie lachten, als Jesus das schwere Holzkreuz tragen musste und fast darunter zerbrach. Sie haben gejubelt, gefeiert bei jedem schweren Schritt. Aber auch dieses Lachen ist jetzt verklungen. Wie Schall und Rauch. Am Kreuz.

Und diese Aufschrift! Welche Diskussionen hat sie ausgelöst: „Jesus von Nazareth, der König der Juden!“ Welche tiefe Wahrheit sie doch letztendlich ausgedrückt hat! Dieses Schild hängt noch immer. Dort am Kreuz. Aber die Diskussionen sind verstummt.

Und das bisschen, das diesem Jesus geblieben ist, nämlich die Kleider an seinem Leib, auch die haben ihm die Soldaten noch genommen.Verlost haben sie die einzelnen Stücke. Wie ein Spiel haben sie es angesehen. Aber es ist kein Spiel. Es ist bitterer Ernst. Jetzt ist Jesus nackt und völlig ungeschützt. Dort am Kreuz.

Dieser Jesus. Der sterbende Gottessohn. Dieser Christus. Mit Schmerz verzerrtem Gesicht. Blut und Speichel laufen ihm aus dem Mund. Die Arme und Beine hinunter. Die letzten Kräfte schwinden. Ein Zucken geht durch seinen Körper. Ist er schon tot? Nein, die Augen schauen noch einmal umher. Sie suchen etwas. Sie suchen andere Augen. Sie suchen die Augen der Maria. Und die beiden Blicke finden sich. Jesus schaut mit letzter Kraft noch einmal dieser Maria in die Augen. Was er dort wohl sieht?

Jesus erkennt: Maria ist traurig. Zutiefst verunsichert ist sie. Beschämt. Voller Angst und Sorgen. Maria ist am Ende ihrer Kräfte. Kurz davor selber zusammenzubrechen. Maria hat blankes Entsetzen in ihren Augen. Und zugleich eine völlige Leere. Maria würde am liebsten weglaufen vor Schmerz. Sie würde am liebsten von der nächsten Mauer springen und sich selbst das Leben nehmen. So verzweifelt ist sie. Aber sie bleibt. Sie bleibt dort mit ihrer Zerrissenheit stehen. Dort am Kreuz. Und sie schaut ihrerseits in die Augen von Jesus. „Maria“, sagt Jesus mit kaum wahrnehmbarer, gebrochener Stimme. „Maria!“ Und mit der letzten Kraft weisen seine Blicke hinüber zu Johannes. „Das ist dein Sohn!“. Und zu Johannes sagt er: „Das ist deine Mutter“. Mit seinen fast letzten Worten nimmt er das Leid der Maria und das Leid des Johannes noch einmal im wahrsten Sinne des Wortes in den Blick und wendet es durch eine knappe Anweisung.

Wenig später hören die, die am Kreuz stehen, noch einmal seine Stimme. „Es ist vollbracht!“ sagt Jesus, und in dem Moment neigt Jesus seinen Kopf zur Seite und verstirbt.

Wissen Sie, ich lese die Bibel in der Regel nicht als ein Geschichtsbuch. Die Bibel ist kein Geschichtenbuch über Maria und Johannes, über Pilatus und Herodes oder über Petrus und Judas. Das wäre ein rein historischer Blick.

Die Bibel ist aber ein Buch, in dem Gottes Geschichten mit uns Menschen aufgeschrieben stehen. In der Bibel lese ich Gottes Geschichte mit mir und meine Geschichte mit ihm. Und das Wunderbare ist, dass ich beim Lesen und beim Hören immer wieder in eine andere Rolle schlüpfen darf.

Und heute, heute am Karfreitag, stehen wir vor dem Kreuz. Wie Maria und Johannes und die anderen. Sie und ich. Gemeinsam. Und doch auch jeder und jede für sich. Wir stehen vor dem Kreuz. Mit unseren Erfahrungen im Kopf. Mit unserer jeweiligen Geschichte. Mit unseren Freuden und Glücksmomenten, aber auch mit unseren Sorgen, Ängsten, Verletzungen, Problemen. Wir stehen dort und schauen auf das Kreuz. Und auf einmal bewegt sich der Kopf des sterbenden Jesus. Seine Augen suchen etwas. Sie suchen uns. Sie und mich. Und Ihre Blicke kreuzen sich mit seinen Blicken. Und was sieht Jesus in Ihren Augen? Was sieht er in meinen Augen?

Das, was uns im Innersten bewegt. Das sieht er. Der Gekreuzigte. Der sterbende Christus und Gottessohn.

Er sieht vielleicht uralte Verletzungen. Vielleicht sieht er Schuld. Vielleicht sieht er die Scherben und Bruchstücke Ihres Lebens. Vielleicht sieht er ein altes Trauma, das sich in Ihr Unterbewusstsein gefressen hat. Vielleicht sieht er Ihren Wunsch auf Veränderung. Ihre Grenzen. Ihr Scheitern. Ihre Leere. Vielleicht sieht er Ihre Angst vor dem Tod. Vielleicht sieht er Ihre Entscheidungsnot.Die Reste Ihres Glaubens.

Jesus, der Gekreuzigte, der sterbende Christus, schaut Sie an. Er sieht in Ihre Augen, in Ihr Herz. Er sieht das, was uns im Innersten bewegt. Und unsere Blicke kreuzen sich. Seine und meine. Seine und Ihre. Das ist Karfreitag.

Und dieser Jesus spricht uns an. Mit Namen. Ilse. Norbert. Merle. Hartmut. Andrea. Karl. Susanne. Helmut. Maria. Johannes. Er spricht uns an und nimmt uns damit in den Blick. Als ganzen Menschen. Er spricht uns an mit unserer Geschichte, mit unseren Gedanken, mit unseren Gefühlen, mit unseren Wegen. Mit unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Ob er wie bei Maria das lösende Worte findet?

Das weiß ich nicht. Das dürfen und können und sollen wir getrost auch ihm überlassen.

Aber ich will diesen Glauben und diese Hoffnung wagen, dass sein Blick uns und unsere Seele berührt. Und das ist mehr als wir denken. Das ist mehr als wir verdient haben. Das ist mehr als wir brauchen.

Und nach diesen Blicken kommen nur noch seine letzten Worte: „Es ist vollbracht“. Für uns.

Karfreitag.

Wir stehen vor dem Kreuz und schauen auf Jesus. Und er schaut auf uns. Und ruft uns beim Namen.

Was wollen wir mehr?

Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartet wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden haben, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Amen.

Stille


VON: JOHANNES 19,26 (HARTMUT GÖRLER)





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Stand:  18.04.2010 21:58