Predigtarchiv

Wie die Krim-Krise meinen Glauben herausfordert
vom 19.03.14, 10:44    Rubrik: Predigten


Ich vermute, dass euch die Ereignisse in der Ukraine in ähnlicher Weise in Atem gehalten haben wie mich.


Zuerst die wochenlangen Demonstrationen auf dem Majdan-Platz in Kiew, einem Platz, über den in ich im September 2012 noch völlig unbeschwert geschlendert bin. Ein Platz mit einladenden Geschäften, mit fröhlichen Wasserspielen, mit interessanten Gebäuden, mit einer Weltoffenheit, wie ich sie vielleicht in Hamburg erlebt habe. Mit vielen Menschen unterschiedlicher Kulturen. Mit unterhaltsamen Clowns und Straßenkünstlern. Und ich erinnere mich natürlich daran, was für ein Genuss es war, in einem der Straßenbistros eine Kleinigkeit zu essen und ein Bierchen zu trinken. Einfach nur herrlich. Und dann diese Demonstrationen. Diese Gewalt. Dieser Hass. Jener Platz hat sich ganz schnell zu einem Kriegsschauplatz verwandelt mit brennenden Autos, schreienden Menschen und zerschlagenen Scheiben. Manche Demonstranten haben gar ihr Leben gelassen, um für Freiheit und Demokratie zu kämpfen.


Und dann auf einmal Soldaten auf der Krim. Sind es russische Soldaten? Sie es ukrainische Freiheitskämpfer? Für mich ist die Situation unklar geblieben.


Eine Volksabstimmung am vergangenen Sonntag. Die russische Bevölkerungsmehrheit entscheidet sich für die Zugehörigkeit zu Russland.


Eine rechtskräftige Unterschrift von Putin am vergangenen Dienstag.


Und binnen weniger Tage gehört die Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer nicht mehr zur Ukraine, sondern zu Russland.



Für mich wird hier Völkerrecht gebrochen. Das kann doch nicht sein, dass mal so eben Ländergrenzen verschoben und politische Zugehörigkeiten neu geordnet werden! Ich stehe dem fassungslos gegenüber. Und der Westen schaut zu. Die einen nennen es Besonnenheit. Die anderen Handlungsschwäche.


Wie dem auch sei. Mich ängstigen diese Bilder. Ich mache mir Sorgen angesichts der Entwicklungen in Osteuropa.


Wie zerbrechlich ist doch der Friede! Wie bestimmend die Machtgier von uns Menschen! Und wie bedrohlich die Waffenlager, die immer noch überall schlummern. Da spielen sich Mächtige auf wie Götter und versündigen sich an Gott und den Menschen. Bitter. Wirklich bitter!


Und wenn ich so über die Ereignisse nachdenke, kommen in mir ganz viele Fragen hoch. Einige will ich heute morgen hier ansprechen. Und ich will versuchen, mir selber eine erste Antwort zu geben. Und wer weiß, vielleicht sind es ja auch eure Fragen und für euch denkbare Antworten. Wir kommen nicht drum in herum, in der Bibel, in Gespräch und im Gebet nach Antworten zu suchen. Dazu will ich euch ermutigen.


„Warum lässt Gott das zu?“ Das ist eine der Fragen. „Hat er nicht die Macht, auf den Tisch zu hauen und für Frieden und Gerechtigkeit zu sorgen? Hat er nicht die Macht, die politischen Herrscher abzusetzen und Frieden zu schaffen?“


Doch, diese Macht hat er! Auch weiterhin! Die hat er auch nicht abgegeben. Die hält er fest in seiner Hand. Gott ist und bleibt der Schöpfer der Welt. Er ist und bleibt das A und O, der König über allem. Gott ist und bleibt der Herr der Herren und er ist derjenige, der die mächtigen begrenzt. Gott ist Gott. Und es ist kein Gott außer ihm. Aber weil Gott Gott ist, können wir ihn in der Regel nicht verstehen. Unser Hirn ist einfach zu klein, um ihn zu durchdringen und zu begreifen.

Wenn schon der Friede Gottes höher ist als alle unsere Vernunft, dann erst recht auch seine Pläne und sein Handeln.


Luther hat einst zwei Seiten von Gott unterschieden. Es gibt den deus revelatus, den offenbaren Gott. Den Gott, der sich in Jesus Christus zeigt und den uns Jesus Christus erklärt. Und es gibt den deus absconditus, den verborgenen Gott, den Gott, der sich unserer menschlichen Logik entzieht und von ihr nicht durchdrungen werden kann. Und diesen Gott müssen wir einfach aushalten. Nein, ich weiß nicht, warum ein junger Mensch sterben muss. Nein, ich weiß nicht, warum eine gläubige Christin so viel persönliches Leid aushalten muss. Nein, ich weiß nicht, warum eine Ehe auseinander brechen muss. Ich weiß nicht, warum die Menschen immer wieder zu Waffen greifen, und ich weiß auch nicht, warum ein Mensch wie Putin so viel Macht hat. Ich weiß es nicht. Aber Gott weiß. Und er wird sich wohl in seiner göttlichen Logik was gedacht haben. Aber weil ich Mensch bin und Geschöpf, darf ich mir nicht anmaßen, Gott den Schöpfer verstehen zu müssen.


Noch einmal die Frage „Warum hat Gott das zugelassen?“ Was ist mit dieser Frage verbunden? Dass Gott für die Ereignisse in der Ukraine verantwortlich ist? Vorsichtig. Ich kann Gott nicht alles in die Schuhe schieben. Das ist die Gefahr, wenn ich zu sehr die Allmacht Gottes betone, als ob Gott alles in der Welt vorher bestimmt. Zu der Allmacht Gottes gehört aber auch die Ohnmacht Gottes. Und Gott ist nicht ohnmächtig, weil wir Menschen so mächtig sind. Gott ist ohnmächtig, weil er es selber wollte. Denn Gott ist als Schöpfer kein Marionettenspieler. Und er wollte uns Menschen nicht als Marionetten schaffen, als treue, willenlose und ewig gehorsame Befehlsempfänger. Nein, das hat er nicht gewollt. Gott hat uns als selbständig Handelnde geschaffen, als Menschen mit einer eigenen Verantwortung. Von Anfang an hatte der Mensch die Wahl, zwischen gut und böse zu entscheiden.


Wie heißt es im 2. Kapitel des 1. Buch Mose: „Du darfst von allen Bäumen des Gartens essen, nur nicht von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen!“ Der Mensch hat von je an die Freiheit, Gottes Willen zu befolgen oder sich gegen Gottes Willen zu stellen. Und Gott hat ihm diese Freiheit gewährt und lässt sie ihm noch heute und muss, weil es sein eigener Schöpferwille war, genau das ohnmächtig aushalten.


„Aber warum greift dann nicht ein? Hat er sich von den Menschen in der Ukraine abgewandt? Ist er nicht da?“

Wieder diese dunkle, verborgene, für uns unverständliche Seite Gottes. Ich weiß nicht, warum er im Moment nichts unternimmt.Vielleicht unternimmt er ja auch schon was und ich sehe es nur nicht. Als Noah noch in der Arche saß, hatte Gott schon längst den Befehl gegeben, dass sich die Wasser zurückziehen. Nur der Mensch hatte das noch nicht begriffen.


Und doch will ich an diesem tiefen Glauben festhalten. Gott ist da. Gott ist und bleibt den Menschen nahe. Nicht unser Eindruck entscheidet darüber, ob Gott uns nahe ist oder nicht. Nicht unsere Erfahrung. Nicht unsere Einschätzung. Gott ist da. Er ist auch und vor allem den Menschen in der Ukraine und auf der Krim nahe. Und woher weiß ich das? Weil das ein Wesenszug Gottes ist. Natürlich ist er auch dort zu finden, wo das Leben schön ist. Aber ist er noch viel mehr zu finden, dort wo das Leben hässlich ist, zerbrechlich, verletzt. Die Opfer der Majdan-Revolution sind in seinen Armen gestorben. Die Witwen und Waisen der Ausschreitungen sind in seinem Schoß. Und die politische Gefangenen und Entrechteten sind umgeben von seiner Herrlichkeit. Das hat uns Jesus vorgelebt. Er ist zu den Aussätzigen gegangen. Er hat sich von der Prostituierten die Füße mit Tränen benessen lassen. Er hat die Talita, das tote Mädchen, mit seiner Kraft berührt. Er ist in das Haus des Zachäus eingekehrt Er hat den Kranken am See Bethesda geheilt. Er ist immer und immer in das persönliche Leid der Menschen hineingetreten um die Gegenwart zu bringen.

Von daher vertraue ich, dass Gott in der Ukraine gegenwärtig ist, auch wenn ich ich vielleicht nicht sehe, auch wenn ich den Eindruck habe, dass die Welt aus dem Ruder läuft.


Aber was sage ich nun den Menschen? Was antworte ich mir selber?

Soll ich wieder auf die klassische Antwort zurückgreifen und „Fürchte dich nicht“ hinausposaunieren? Wenn ich ehrlich bin, ist mir das zu einfach. Zu oberflächlich. Natürlich stimmt dieser Satz. Ich brauche keine Angst zu haben, wenn ich mich voll und ganz auf Gott verlasse.


Aber: ich mache mir Sorgen um die Stabilität in Europa. Ich habe Angst vor neuen Krisenherden und militärischem Säbelrasseln. Und ich habe auch Angst, dass irgendeine Seite im Affekt den Knopf drückt und eine Bombe wirft. Ja, ich habe Angst, dass auf einmal die Gewalt unkontrolliert ausbricht.


Und diese Angst gehört zu mir. Sie ist ein Teil von mir. Und ich kann und möchte sie nicht wegwischen mit den schnellen Worten „Fürchte dich nicht!“ Nein, ich will diese Angst für einen Moment stehen lassen. Ich will meine eigenen Sorgen ernst nehmen dürfen. Denn ich darf doch mit dieser Angst, mit meinen Sorgen, mit meiner Zerrissenheit, mit meiner Verletztheit, mit meinen Grenzen und mit meiner Schuld vor Gott treten.


Und ich will auch nicht die begründete oder unbegründete Angst anderer einfach mit frommen Worten wegwischen. Ich will sie doch ernst nehmen, teilen, mittragen. Von daher Vorsicht. Vorsicht vor zu frommen Worten. Lieber schweigen und mitweinen als zu schnelle Antworten geben.


Und noch so eine Frage. „Wie politisch darf ich denn eigentlich als Christ sein? Wie politisch als Gemeinde?“ Wenn ich an Jesus Christus als den Herrn der Welt, und wenn ich mir seine Liebe uns Menschen gegenüber vergegenwärtige, dann werde ich eigentlich direkt politisch. Denn Jesus hat den Glauben aus den frommen Mauern des Tempels herausgeholt. Er hat die Liebe in den Alltag gepflanzt. Und dort wo Menschen Liebe vorenthalten wird, dort wo Menschen ihre Würde verlieren, dort muss ich auftreten und die Gott durch Wort und Tat verkündigen. Ich kann nicht von der Liebe Gottes in Jesus Christus reden und gleichzeitig erdulden, dass sie ihnen geraubt wird. Reden und Handeln, Glaube und Diakonie, Bekenntnis und politisches Engagement sind wie die zwei Ruder am Ruder. Wenn ich eines verliere, drehe ich mich nur im Kreis. Wir können die Welt nicht retten. Uns sind natürlich oft die Hände gebunden. Und doch haben wir als Einzelpersonen und als Gemeinden oft mehr Möglichkeiten, uns für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen, als wir meinen. Wir können uns zumindest an Paulus halten und für die Welt beten; denn es heißt im 1. Timotheusbrief: „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit!“


„Und was kann ich nun angesichts der Ereignisse in der Ukraine noch glauben? Woran kann ich mich festhalten?“

Ich will darauf hoffen, dass Gott auch noch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen und kann und will. Diese Worte habe ich mir geliehen bei Dietrich Bonhoeffer, der selbst angesichts des Nazi-Terrors auf Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist vertrauen konnte. Seine Worte von damals spreche ich mir heute zu. Sie machen mir Mut und fordern mich auf, selber verantwortlich zu handeln und mich für den Frieden einzusetzen, so weit es mir möglich ist.


Ich glaube,

dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,

Gutes entstehen lassen kann und will.

Dafür braucht er Menschen,

die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube,

dass Gott uns in jeder Notlage

soviel Widerstandskraft geben will,

wie wir brauchen.

Aber er gibt sie nicht im voraus,

damit wir uns nicht auf uns selbst,

sondern allein auf ihn verlassen.

In solchem Glauben müsste alle Angst

vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube,

dass Gott kein zeitloses Fatum ist,

sondern dass er auf aufrichtige Gebete

und verantwortliche Taten wartet und antwortet.


Ihr merkt, die Ereignisse in der Ukraine haben mich sehr betroffen gemacht. Sie haben mich nachdenklich gestimmt. Sie haben mich herausgefordert, mögliche Antworten aus der Sicht meines Glaubens an Jesus Christus zu finden. Das kann nur geschehen im Lesen der Bibel, im Gebet, in der Vielfalt der Spiritualität, im Miteinander einer Gemeinde. Um Antworten zu finden, dürfen und sollen wir aber auch unseren Verstand einschalten. Denn den hat uns Gott gegeben. Und ich behaupte, dass die ethische Seite unseres Glaube genau so funktioniert. Es geht nicht darum, irgendwelche Dogmen und Lehrsätze zu wiederholen, sondern das Evangelium Jesu Christi für unsere eigenen Lebenssituation durchzukauen. Und in diesem Sinne schenke der Heilige Geist mir und euch immer wieder neue Entdeckungen. Amen.






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Stand:  18.04.2010 21:58