Predigtarchiv

Ein reines Herz. Ein neuer Geist
vom 13.02.14, 16:06    Rubrik: Predigten

Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.


Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde;


denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir.


An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan, auf dass du Recht behaltest in deinen Worten und rein dastehst, wenn du richtest.


Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.


Siehe, dir gefällt Wahrheit, die im Verborgenen liegt, und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.


Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde; wasche mich, dass ich schneeweiß werde.


Lass mich hören Freude und Wonne, dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast.

Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden, und tilge alle meine Missetat.


Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.

Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.


Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus.


Ich will die Übertreter deine Wege lehren, dass sich die Sünder zu dir bekehren.


Errette mich von Blutschuld, Gott, der du mein Gott und Heiland bist, dass meine Zunge deine Gerechtigkeit rühme.


Herr, tu meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.


Denn Schlachtopfer willst du nicht, / ich wollte sie dir sonst geben, und Brandopfer gefallen dir nicht.


Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.


Tu wohl an Zion nach deiner Gnade, baue die Mauern zu Jerusalem.


Dann werden dir gefallen rechte Opfer, Brandopfer und Ganzopfer; dann wird man Stiere auf deinem Altar opfern.

LIED: EG 230

ANSPRACHE, Teil 1

Ein neues Herz. Ein neuer Geist.

Zunächst zwei Lebensgeschichten. Im Internet gefunden.

Piep, piep, piep... Was ist denn da los. Bin ich auf der Intensivstation wie immer? Klar, aber diesmal anders. Ich hab’s. Ich hab’s geschafft. Sie haben es geschafft. Dann steht da auch schon jemand und fragt was und ich sage was und vergesse es auch schon wieder.

Und dann vergeht irgendwelche Zeit, und es wiederholt sich alles. Ich bin jetzt einen Tag operiert. Und so wach wie lange nicht. Der Brustkorb schmerzt etwas, gefühlte tausend Schläuche erblicken aus meinem Inneren das Neonlicht des Raumes.

Als die Schwester zum Bett tritt, sage ich etwas, was wohl für große Unruhe sorgt. Ich sage: “Ich will aufstehen!“ Sie antwortet mir, dass dies nicht möglich sei, da ich gerade erst aus der Narkose erwacht sei und die OP noch keinen Tag zurückliege. Aber es hat keinen Sinn, mir das Unternehmen auszureden. Ich muss wissen, ob ich noch laufen kann. „So was hatten wir noch nie. Sie sind doch der Bergsteiger, der noch Liegestütze in der Intensivstation gemacht hat?“ fragt Sie schließlich. Und ruft einen starken Pfleger zur Hilfe. Gestützt von festen Händen stehe ich mühevoll auf, gehe einen Schritt nach vorne, einen zurück, das Ganze noch nach links und rechts und lasse mich als glücklichen Menschen erschöpft ins Bett zurücklegen.

Die Nieren sind beleidigt. Ich muss an die Dialyse. Diese Prozedur nimmt einem ganz schön Wind aus den Segeln. Ich brauche andere Diuretika. Ich bin überzeugt davon, dass dann auch der Urin wieder fließen wird und die Nieren wieder einsteigen. Da ich aus der Vergangenheit weiß, dass das verwendete Mittel bei mir nicht wirkt, lasse ich nicht locker und habe am nächsten Morgen ein Mittel in meinem Tablettenschuber, das mir früher schon half. Die Schwester, welche den Katheter wechselt, sagt nur: “Man, der pinkelt ja wie ein Wasserbüffel!“ Hiermit endete auch meine Karriere als Dialysepatient.

Nach fünf Tagen werde ich auf die Normalstation verlegt. Es verschwindet ein Schlauch nach dem anderen. Aber es ist immer noch ein Schrittmacher extern an mein neues Herz angeschlossen. Muss sein, wird mir gesagt, meine Herzfrequenz sei zu niedrig nachts unter 50 Schläge ohne Schrittmacher. Der ist auf 80 Schläge justiert. Leider mag mein Herz auch nicht viel höher schlagen. Man macht mich mit der Option vertraut, dass ich wieder einen Schrittmacher bekommen werde. Ist ja nicht schlimm, sagt man.

Ein neues Herz. Ein neuer Geist.

LIED: EG 230

ANSPRACHE, Teil 2

Ein neues Herz. Ein neuer Geist.

"Na, und", dachte ich, "was ist schon Besonderes daran, Christ zu sein? Das sind wir doch fast alle." - So war meine erste Reaktion, als ich mit 17 Jahren den Steckbrief meiner amerikanischen Gastfamilie für meinen Sprachkurs geschickt bekam. Unter "Besonderheiten" war angegeben: "Gläubige Christen". Ich wusste nicht, was daran Besonderes war. Ich war getauft - wie fast alle meine Freunde im Rheinland. Und ich hatte auch den Konfirmanden-Unterricht absolviert. Der Pastor mochte mich wohl, jedenfalls lobte er mich regelmäßig. Auch wenn meine Eltern aus der Kirche ausgetreten waren, hatte mir meine Mutter doch ein Nachtgebet beigebracht und mich gelehrt, nicht über Gott zu lästern. Das und das Vaterunser sowie Tauf- und Konfirmationsurkunden machten für mich das Christsein aus. Dazu noch der Kirchgang an Weihnachten, mit dem ich mir die anschließende Bescherung verdiente.

Dass meine amerikanischen Gasteltern etwas völlig anderes mit dem Begriff "Christ" verbanden, habe ich dann schnell festgestellt: Gleich am ersten Sonntag baten sie mich, mit ihnen zur Kirche zu gehen. Als höflicher Mensch habe ich das getan, ohne mir den Widerwillen anmerken zu lassen.

Und dort passierte etwas Eigenartiges: In einer Mischung aus Studentengottesdienst und Lehrveranstaltung berichtete der Pastor dieser Gemeinde von der grundlegenden Botschaft des christlichen Glaubens: Von Jesus Christus. Sicher, ich hatte von ihm oft genug gehört. Aber interessiert hatte ich mich dafür nie. Dort wurde mir zum ersten Mal klar: Jesus Christus ist Gottes Sohn. Er ist von Gott als Mensch auf die Erde gesandt worden, um das zu verwirklichen, was wir Menschen offensichtlich allein nicht schaffen: ein fehlerloses Leben zu leben. Wir Menschen versagen darin immer wieder. Alle. Zu allen Zeiten. Und der Einzige, der gegen kein einziges Gebot Gottes verstoßen hat, war Jesus Christus. Diese Erkenntnis allein wäre schon faszinierend genug.

Aber das Wichtigste kam noch: Da die Menschen durch ihr Leben voller Fehler und Schuld niemals in die Nähe Gottes kommen können, hat Gott seinen Sohn geopfert. Er, der ohne jede Schuld war, wurde stellvertretend für uns zum Tode verurteilt und hat diesen Tod auf sich genommen. Und nach drei Tagen ist er von den Toten auferstanden, hat also die Macht des Todes überwunden. Dies gilt für alle, die an ihn und an die Tatsache der Auferstehung glauben. Somit hat Gott selbst durch das Opfer seines Sohnes eine Brücke zu sich gebaut.

Ich war nach dieser Erkenntnis wie elektrisiert! Ich weiß nicht, warum ich das vorher nicht erkannt hatte, aber da wurde das wie etwas ganz Selbstverständliches ausgesprochen. Wunderbarerweise war in diesen Wochen ein deutsch sprechender Mitarbeiter in der Gemeinde. So konnte ich mich mit ihm auf Deutsch über meine Fragen unterhalten. Er zeigte mir, dass die meisten Antworten darauf in der Bibel stehen. Und diese Bibel, die ich bis dahin nicht sehr ernst genommen hatte, offenbarte noch viele andere Überraschungen.

Mein Leben hat sich daraufhin gründlich verändert. Nicht, dass ich ab sofort ein fehlerloses Leben geführt hätte. Wahrlich nicht. Es ist geradezu beschämend, wie oft ich Menschen verletzt, auch gelogen habe, obwohl ich wusste, wie sehr das Gott schmerzt. Aber ich habe es immer wieder bereut und weiß, dass Gott mir vergeben hat.

Ein neues Herz. Ein neuer Geist.

LIED: EG 230

ANSPRACHE, Teil 3

Ein neues Herz. Ein neuer Geist.

Zwei ganz unterschiedliche Lebensgeschichten. Beide erzählen von einem neuen Herzen und einem neuen Geist in ihrem Leben. Der eine im eigentlichen Sinne. Der andere im übertragen. Ein neues Herz. Ein neuer Geist.

Wie damals der Beter des Psalms, der heute schon das eine oder andere Mal angeklungen ist. Zugeordnet wurde das Gebet dem David. Wie heißt es in der Bibel? Nachdem er zu Batseba eingegangen war. Jetzt betet er, erschrocken angesichts des Ehebruchs, den er vollzogen hatte. Er ringt um Luft. Er ringt um Vergebung. Seine Schuld wird ihm zu einer Last. Und Gott vergibt ihm und schenkt ihm ein reines Herz und einen neuen Geist.

Aber dieser Psalm ist keine Privatsache des David. Diesen Psalm haben sich über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Menschen geliehen, um ihren eigenen inneren Kampf mit Worten auszudrücken. Bis zum heutigen Tag wird dieser Psalm zu einem ganz eigenen, persönlichen Herzensgebet. Ein Gebet voller Erschrecken über sich selbst und voller Sehnsucht nach Versöhnung.

Von daher dürfen wir auch diese Worte uns zu eigen machen und unsere eigenen Lebensgeschichten hineinlesen. Wir dürfen uns selber darin wiederfinden. Unsere Gedanken. Unseren Krampf und Kampf. Unsere Erfahrungen mit Streit, Neid, Oberflächlichkeit.

Unsere Verletzungen.

Denn dieser Psalm, der uns heute begleitet, ist ein Ort und ein Wort für die all die Menschen, die über sich selbst erschrocken sind. Und diese Menschen werden ernst genommen und mitgenommen, sozusagen mit hinüber getragen zu einer großen Sehnsucht. Die Sehnsucht danach, neu anfangen zu dürfen. Die Sehnsucht nach Vergebung. Die Sehnsucht nach Heilung.

Der Beter von damals, Mann oder Frau, erahnte: wenn Gott mich wieder neu berührt, wenn Gott mich freundlich anschaut, wenn Gott mir meine Schuld vergibt, dann beginnt etwas Neues. Dann bekommt mein Leben eine neue Richtung. Dann schafft Gott in mir ein neues Herz und dann gibt er mir einen neuen beständigen Geist.

Ich glaube, Sie spüren mir ab, dass mich dieses Bild sehr herausgefordert hat auf dem Weg zu diesem Gottesdienst. Ein neues Herz. Ein neuer Geist. Was erwarten wir von Gott, wenn wir „Herr, erbarme dich“ singen? Womit rechnen wir, wenn wir mit einem „Kyrie“ vor Gott treten? Was ist unsere Sehnsucht, wenn wir das Abendmahl feiern und im Gottesdienst oder zu Hause Gott darum bitten, dass er uns die Schuld vergeben möge?


Wenn wir ehrlich sind, erwarten wir oft nicht viel. Für mich zumindest ist die „Vergebung meiner Schuld“ oft nur eine theologische Aussage. Eine Selbstverständlichkeit. Vielleicht stellen wir uns vor, wie Gott mit einem dünnen Pinsel unser Leben etwas abstaubt. Oder, wie er mit einem feinen Tuch etwas nachpoliert. Aber Vergebung ist kein Pinsel. Vergebung ist kein sanftes Tuch. Vergebung geschieht am Kreuz von Golgatha, schmerzlich erlitten und bezahlt mit dem Tod. Diese Erkenntnis hat jenem Austauschschüler ein neues Herz und einen neuen Geist geschenkt.


Vergebung ist mehr als eine Floskel. Vergebung ist mehr als ein wohltuendes Wort. Vergebung schafft neue Tatsachen. Vergebung ist einschneidend, verändernd, revolutionär.

Vergebung kann meinem Leben einen Neuanfang schenken. Wenn Gott uns vergibt, dann gibt er uns ein neues Herz und einen neuen Geist.


Ich bin noch nicht fertig mit der Frage, was ist eigentlich Vergebung für mich. Ich habe noch keine endgültige Antwort. Und werde sie vielleicht nie finden. Und muss diese Frage mit nach Hause nehmen. Länger darüber nachdenken. Immer wieder neu. Sie dürfen diese Frage mit nach Hause nehmen. Als Hausaufgabe sozusagen. Als Ihre Aufgabe. Was ist Vergebung für Sie?


Ein neues Herz. Ein neuer Geist. Offensichtlich ist Vergebung mehr als wir glauben. Und im Grunde genommen wünsche ich mir, dass auch ich in meinem Leben und Glauben einen Neuanfang erleben darf, wie jener Herzpatient oder wie jener Austauschschüler.


Ein neues Herz. Ein neuer Geist. Das wär schön.


VON: PSALM 51 (HARTMUT GÖRLER)





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Stand:  18.04.2010 21:58