Predigtarchiv

Mitten in der Lebenskrise
vom 30.01.14, 11:55    Rubrik: Predigten

Wie mag sich Noah eigentlich gefühlt haben, in der Arche?

War er stark im Glauben und voller Zuversicht? War er stolz auf seinen Mut und auf sein konsequentes Handeln? War er verankert im Gebet und ein Mann, der Hoffnung und Zuversicht vermitteln konnte? Vielleicht.


Vielleicht war er aber auch ängstlich, verunsichert, in einer tiefen Lebenskrise.


Ich weiß, ich fange an zu spekulieren. All das steht in der Bibel nicht geschrieben. Aber Noah ist für mich in der Vorbereitung auf diesen Sonntag zu einem Sinnbild geworden. Zu einem Sinnbild für Menschen, über die Wellen der Angst zusammenbrechen. Und so stelle ich mir diesen Noah vor.


Seit Tagen befindet er sich nun in diesem Boot. Anfangs war er noch ganz aufgeregt. Das ausgeschüttete Adrenalin sorgte für eine heitere Stimmung. Gott ist mit mir. Was kann mir schon passieren!

Aber von Tag zu Tag wird es für ihn beklemmender. Er fühlt sich eingeengt zwischen den Holzblanken. Er fühlt sich einsam zwischen den vielen Tieren und den Menschen. Was passiert eigentlich da draußen? Was passiert eigentlich mit mir? Und wo ist Gott? Seitdem er die Klappe der Arche verschlossen hat, hat Noah nichts mehr von ihm gehört. Ist er überhaupt noch da? Hält dieser Gott sein Wort und sorgt er für das schwankende Schiff? Oder hat Gott diesen Holzkasten schon längst vergessen?

Noah fühlt sich gefangen. Immer schwermütiger wird er. Wie lange denn noch? Er weiß schon gar nicht mehr, ob es Tag ist oder Nacht. Er hat gar kein Gefühl mehr für die Zeit. Immer diese Dunkelheit. Wie sehr sehnt er sich nach der Sonne. Wie sehr wartet er auf das Licht. Aber es ist alles dunkel um ihn herum. Innerlich wie äußerlich.

Und es regnet immer noch. Die Nerven liegen blank. Zweifel steigen in ihm hoch. Die Zeit in der Arche wird für ihn zu einer echten Krise, zu einer Herausforderung, die ihn überfordert. Noah kommt an seine Grenzen. Mehr noch. Er hat seine Grenzen schon längst überschritten. Manchmal sitzt er stumm in der Ecke und weiß nicht mehr weiter. Seine klugen Worte sind im schon längst verloren gegangen.

Nimmt denn das Ganze gar kein Ende? Dem Schicksal ausgeliefert ist Noah. Draußen toben die Wellen. Sie schlagen immer wieder über ihm zusammen. Nach und nach verliert er den Mut. Die Kraft. Am Anfang hat er noch lauthals gesagt: Das schaffe ich. Mittlerweile zweifelt er daran und denkt bei sich: ich kann nicht mehr. Ich will auch nicht mehr. Mir gehen der Gestank hier im Schiff und der Lärm auf die Nerven. Gott, wo bist du? Hast du dich abgewendet? Hast du uns vergessen? Warum meldest du dich nicht? Noah erlebt eine tiefe Lebenskrise. Draußen Tod und Unheil. Und hier drinnen Perspektivlosigkeit. Hoffnungslosigkeit. Kraftlosigkeit. Eine scheinbare Ewigkeit. Und nichts deutet darauf hin, dass es bald besser sein wird. Endlich ein Ruck. Das Boot sitzt fest. Sollte das Leid jetzt endlich ein Ende haben? Noah lässt voller Hoffnung einen Raben fliegen. Aber der kreist nur umher. Er findet keinen Platz, wo er sich niederlassen könnte. Wieder nichts. Die Hoffnung ist wie eine Seifenblase zerplatzt. Ich will nicht mehr schwimmen. Ich will nicht mehr mit meinem Leben hin- und herschaukeln. Ich will endlich wieder festen Boden unter meinen Füßen haben. Warum hilft mir denn keiner?


Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und ließ Wind auf Erden kommen und die Wasser fielen.


Noah. Die Bibel erzählt die Geschichte von Noah nicht, damit wir Noah kennenlernen. Die Bibel erzählt ihre Geschichten, um zu beschreiben wie wir Menschen sind und wie Gott ist. Und von daher ist gar nicht entscheidend, ob diese Geschichte von Noah historisch ist. Erfahrungen mit einer großen lokalen Flut im Land der Bibel werden wohl tatsächlich im Hintergrund dieser Erzählung stehen. Aber die biblischen Geschichten sind kein Zeitungsbericht von damals. Sie sind vor allem Glaubensgeschichten und laden uns ein, uns selber wieder neu in eine Beziehung mit Gott hineinzustellen. Das Entscheidende dieser uralten Noahgeschichte ist, dass hier unsere Geschichte erzählt wird, unsere Lebensgeschichte und Gottesgeschichte, seine Geschichte mit uns.

Und von daher können wir den Namen Noah auch austauschen und unsere Namen einsetzen oder die Namen derer, die wir im Blick haben und um die wir besorgt sind.


Nun ist es natürlich so, dass wir nicht wie Noah in einer dunklen, schwankenden Arche ausharren müssen. Uns wirbeln ganz andere Wellen hin und her. Über uns brechen ganz andere Stürme zusammen.


Ich habe zum Beispiel einen Mann vor Augen. Einen alten Mann. Einen sehr alten Mann. Seit vielen Jahre besuche ich ihn. Normalerweise zum Geburtstag. In den letzten Jahren an seinem Krankenbett. Ich weiß gar nicht wie lange er schon liegt. Drei Jahre? Vier Jahre. Eine halbe Ewigkeit. Die Bibel würde sagen: 40 Tage. Oder 40 Jahre. Er liegt dort und hat nicht mehr viel vom Leben. Das Schlucken fällt ihm schwer. Auch das Reden. Ich spüre ihm ab: eigentlich will er gar nicht mehr leben. Wann ist das Ganze endlich vorbei? Wann darf ich endlich loslassen?


Oder ein junges Mädchen. Im letzten Jahr wurde sie konfirmiert. Sie ist klug. Vielseitig begabt. Aber unbeliebt. Sie wird gemobbt in der Schule. Ausgelacht, weil sie so dick ist. Seit Monaten geht das so. Und alle Gespräche haben nichts gebracht. Mittlerweile hat sie immer häufiger Kopfschmerzen. Bauchschmerzen. Übelkeit. Noch so jung, und doch sie einen ganz schweren Weg. Ein Ende ist noch nicht abzusehen.


Oder Ali. Seine Familie ist schon längst aus Aleppo geflohen. Nur er ist in Syrien zurückgeblieben. Einer muss doch auf das Haus aufpassen. Was aus seiner Frau, seinen Kindern geworden ist, weiß er nicht. Immer und immer wieder muss er sich im Keller verstecken, damit ihn keine Granate trifft. Erst neulich ist sein Haus beschossen worden. Es hat nicht viel gefehlt, dann wäre er getroffen worden. Wann hört dieser hässliche Krieg endlich auf? Wann setzen sich endlich Frieden und Gerechtigkeit durch? Und wann wird er endlich seine Lieben wiedersehen? Wird er sie überhaupt jemals wiedersehen?


Wellen der Angst kommen auf mich zu,

beklemmen und hemmen, nehmen mir die Ruh,

Angst vor dem Leben und der Einsamkeit,

dem Sterben, dem Alltag und der freien Zeit.


Wellen der Schuld überrollen mich,

bedrücken, blockieren und vermehren sich.

Schuld durch mein Handeln, Reden und mein Sein

an Gott und dem Nächsten und an mir allein.


Wellen des Leides fesseln meinen Blick,

verdunkeln und lähmen, ziehen mich zurück.

Leid durch Entbehrung, Hoffnungslosigkeit,

durch Bosheit, durch Gräber

und durch Krankheitszeit.


Wellen der Sorge strömen durch den Tag;

sie treiben und quälen, werden mir zur Plag.

Sorge um´s Dasein, um das Lebensglück,

um Aufstieg und Ehre und um mein Geschick.


Es gibt viele schmerzliche Lebenserfahrungen, die sich – wie bei Noah – endlos lange hinziehen. Es gibt viele Lebenskrisen, die unheimlich viel Kraft kosten, einen mürbe machen, traurig und schwach. Und es gibt immer wieder Tage und Wochen und Monate, an denen wir das Gefühl haben, dass Gott uns verlassen hat, dass wir allein das Leben meistern müssen.


Aber über diesen Lebenswegen, über diesen Lebenskrisen, über diesen Grenzerfahrungen steht der Satz der Noahgeschichte: „Da gedachte Gott an Noah!“


Gott denkt an uns. Und dieses Denken ist mehr als nur ein Gedanke. Wenn Gott an uns denkt, dann ist das keine Momentaufnahme, sondern dann gestaltet Gott Beziehung. Wenn Gott an uns denkt, dann hat er uns umfassend im Blick. Wenn Gott an uns denkt, dann umschließt er uns mit seiner Liebe, mit seiner Nähe und Gegenwart. In einem Kanon heißt es: Der Herr denkt an uns und segnet uns.


Gott hat schon längst seine Hände ausgestreckt, um uns zu helfen. Während Noah innen drin noch die Wellen an seine Arche klatschen hörte, hatte Gott schon längst den Wind gerufen um dem Ganze ein gutes Ende zu setzen. Aber Noah wusste nicht darum.


Alles Noah noch um Hilfe schrie, hatten die Wasser schon längst angefangen, sich zu verlaufen. Aber Noah wusste von dem allem nicht.


Und als Noah tief enttäuscht zusammenbrach, weil sich seine Hoffnung in Luft aufgelöst hatte, hatte Gott schon alles auf einen guten Weg gebracht.


Manchmal braucht es Zeit, viel Zeit, um Gottes Wirken und Segen zu erspüren und herauszufinden.


Diese uralte Kindergottesdienstgeschichte macht mit jedenfalls Mut und rührt mich in besonderer Weise an:


auch wenn wir den Eindruck haben, dass unsere eigene schwere Lebensphase nicht enden will,

auch wenn wir das Gefühl haben, dass die Lebenskrise eines anderen so perspektivlos erscheint, eines lieben Menschen scheinbar nicht enden will,

gilt jene Verheißung über dem Leben des Noah auch uns.


Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier.


Gott ist auch in unserem Leben schon längst am Werk.

Gott hat uns schon längst im Blick.

Und er weiß schon lange, wie unser Lebensweg weitergeht.

Auch wir werden irgendwann wieder festen Boden unter den Füßen haben. Auch über uns wird der Regenbogen aufgehen.


Und so wünsche ich Ihnen in Gottes Namen und in der Kraft seiner Verheißung ein Ölblatt in Ihrer Hand, ein kleines Zeichen der Hoffnung und der heute beginnenden Zukunft. Amen.



VON: 1. MOSE 8,1FF (HARTMUT GÖRLER)





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Stand:  18.04.2010 21:58