Predigtarchiv

Zum Aufruf der BILD-Zeitung: Wir beten für dich!
vom 03.01.14, 12:44    Rubrik: Predigten

Schumachers Zustand weiter kritisch, aber stabil.

SCHUMI Darum bewegt sein Schicksal die Welt

Michael Schumachers Skiunfall: Wie lange bleibt Schumi im Koma?



Kaum ein Einzelschicksal hat uns in den letzten Tagen so in Atem gehalten wie der Ski-Unfall von dem ehemaligen Formel-1-Fahrer und Rennsportler Michael Schumacher. Seitdem sind Kameras aus aller Welt auf das Krankenhaus in Grenoble gerichtet. Keine Neuigkeit darf verpasst werden. Radio, Fernsehen, Twitter, Internet. Alle Kommunikationswege berichten von dem Gesundheitszustand des beliebten Sportlers. Und selbst die Bild-Zeitung lässt sich darauf ein, auf der Titelseite zu posten „Wir beten für dich“.

Und in der Tat, auch im Internet finden Sie alle möglichen Stars, die öffentlich bekennen, dass sie für Schumacher beten. Der Motorrad-Weltmeister Rossi ebenso wie ein junger Mann namens Hagen auf Sport1.

Was halten Sie davon?

Ich finde es erst einmal sympathisch, dass eine Nation Mitgefühl zeigt und mitleidet. Immerhin ist Michael Schumacher nicht nur Promi, sondern vor allem und in erster Linie Mensch, Ehemann, Vater, Bruder, Freund. Und es ist natürlich angemessen, mit all denjenigen zu leiden, denen Leid widerfährt

Und doch wird das Ganze mir zu viel. Schumacher hier. Schumacher da. Schumacher am Morgen und am Abend.

Und nicht nur mir wird es zu viel, sondern auch der Klinik in Grenoble, die nicht nur Michael Schumacher, sondern viele andere Patienten versorgen muss. Stündlich landet der Notfallhubschrauber auf dem Dach des Krankenhauses und bringt Schwerverletzte, denen es nicht besser geht als ihrem prominenten Mitpatienten.

Und manche von ihnen sind schon längst verstorben. Von ihnen berichtet niemand, und manche von ihnen mögen vielleicht sogar in völliger Einsamkeit gestorben sein. Und nicht nur in Grenoble, sondern überall auf der Welt, auch in Fröndenberg, gibt es Einzelschicksale, mit denen wir mitleiden könnten und vielleicht sogar sollten.

Und wie ist das Bild-Zeitung? Wie ist das mit dem Titel-Slogan „Wir beten für dich“? Ich glaube nicht, dass die Redakteure morgens ihre Arbeit unterbrechen und für fünf Minuten im Gebet innehalten. Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Und doch glaube ich, dass viele Menschen diesen Unfall zum Anlass genommen haben, wieder neu zu beten und Michael Schumacher in ihr Gebet einzuschließen.

Und damit drückt dann die BILD-Zeitung mit ihrem Slogan tatsächlich ein menschliches Grundgefühl aus. „Da hilft nur noch beten“. Diese Floskel hören wir immer wieder. Oder sind diese fünf Worte mehr als eine Floskel? „Da hilft nur nur beten“. Da kommt ein Mensch an seine Grenzen. Da weiß er nicht mehr weiter. Da reichen die menschlichen Möglichkeiten und die eigene Kraft nicht mehr aus, um das Schicksal zu drehen. „Da hilft nur noch beten“.

Und in der Tat ist genau dieses Beten ein großes Pfund, das wir als Kirche und Christen haben. Dem Gebet wird von vielen Menschen eine geheimnisvolle Kraft zugeschrieben, selbst von Menschen, die von sich selber nicht sagen würden, dass sie gläubig sind.

Neulich am Bahnhof. Ich betrete die Reiseagentur. Ein türkischer Mitarbeiter erkennt mich. „Sie sind doch der Pfarrer hier?“ fragt er mich. „Beten Sie für mich“, sagt er unvermittelt, obwohl er Muslime ist.





„Können Sie für mich beten“, fragt mich die Tochter eines Verstorbenen, und ich erahne, dass sie selber schon ewig nicht mehr gebetet hat.

Beten Sie für meine Kinder“, bittet eine Frau bei der Ausgabe der Tafel, die ich noch nie in einem meiner Gottesdienste gesehen habe.

Und interessanterweise ist gerade das Gebet bei vielen Trauerbesuchen der dichteste und intensivste Moment. Dort fließen die Tränen. Dort bekommt das Gespräch vorher auf einmal eine neue Tiefe.

Das Beten hat bis zum heutigen Tag eine geheimnisvolle Kraft. Und wenn Menschen selber nicht glauben können oder wollen, so sind sie doch oft offen für das Gebet anderer. Das Gebet ist für viele Menschen bis zum heutigen Tag letzter Strohhalm. „Da hilft nur noch beten“, sagen sie dann. Oder wie Niki Lauda, auch ein ehemaliger Rennsportler, sagte, als er von Michael Schumachers Unglück hörte: Nur Gott kann Michael Schumacher jetzt noch helfen.

Aber woher kommt diese Erwartungshaltung?

Woher kommt dieser Glaube, verschüttet zwischen Argumenten des Unglaubens?

Weil die Verheißungen Gottes bis zum heutigen Tag aktuell sind und Bestand haben,

und weil Menschen bis zum heutigen Tage erfahren, dass diese Verheißungen Wirklichkeit werden.

Im Matthäusevangelium zum Beispiel heißt es:

Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet!

Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.

Wer von euch würde seinem Kind einen Stein geben, wenn es um Brot bittet?

Oder eine Schlange, wenn es um Fisch bittet?

So schlecht ihr auch seid, ihr wisst doch, was euren Kindern gut tut, und gebt es ihnen. Wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten.

Und weniger Seiten weiter im 18. Kapitel heißt es:

Aber auch das versichere ich euch: Wenn zwei von euch auf der Erde gemeinsam um irgendetwas bitten, wird es ihnen von meinem Vater im Himmel gegeben werden.

Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich selbst in ihrer Mitte.

In diesen schlichten und vielleicht sogar bekannten Worten wird ganz viel über Gott ausgesagt.

Gott ist uns Menschen zugewandt. Er hat ein offenes Ohr für uns. Er hat Interesse an uns. Er lässt unsere Fragen an sich heran, unsere Sorgen, unsere Themen, unseren Dank.

Gott hört uns zu wie ein guter Freund, wie ein guter Vater, wie eine gute Mutter, wie die beste Freundin. Gott kennt selbst unsere verborgensten Gedanken, weiß selbst um unsere Sehnsüchte, die wir selber nicht auszusprechen wagen.

Und dieser Gott macht sich von unseren Bitten abhängig. Er ist kein kühler Diktator, der sowieso nur das macht, was er will. Er lässt sich bewegen, umstimmen, beeinflussen. Er ist sogar offen dafür, mit uns Menschen zu verhandeln. Abraham ist dafür ein schillerndes Beispiel.

Von daher wünsche ich mir, dass wir als einzelne Christinnen und Christen wieder neu Betende werden.

Ich habe Sehnsucht danach, dass wir uns Zeit nehmen, um für unsere Kinder zu beten, für den Ehepartner, für die Nachbarin, für die entfernte Cousine, von deren Leid wir gehört haben.

Ich wünsche mir, dass unser Tagesablauf wieder neu von unserem Gebet unterbrochen wird und geordnet wird. Ich wünsche mir, dass das Gebet keine zufällige und nebensächliche Aktion bleibt, sondern zu einer grundsätzlichen Haltung, die alle anderen Lebensbereiche berührt und durchflutet.

Ich wünsche mir aber auch, dass wir als evangelische Kirchengemeinde in Fröndenberg wieder neu zu einer betenden Gemeinde werden.

Ich stelle mir vor, wie sich Menschen zusammentun, um gezielt für andere, kranke Menschen in unserer Gemeinde zu beten.

Vielleicht sollten wir auch einen Kasten aufstellen, öffentlich zugänglich, vielleicht mitten in der Stadt, damit auch die Menschen, die sich nicht zur Gemeinde halten, eine Möglichkeit haben, ihre Gebetsanliegen mitzuteilen. Und diese Bitten werden dann in unseren Gottesdiensten aufgegriffen.

Ich stelle mir vor, wie sich Menschen in unserer Gemeinde verabreden, regelmäßig für unsere Politiker zu beten, um sie zu begleiten in den Verhandlungen zur Energiewende, zur Rentenfrage, zum rechten Umgang mit den Flüchtlingen.

Und wenn wir nur ansatzweise die Verheißungen Gottes ernst nehmen, wenn nur ein Bruchteil davon Wirklichkeit wird, dann dürfen wir damit rechnen, dass dieses Gebet Menschen heilen und in die Kultur in einer Gesellschaft verändern kann. Unsere Gebete kommen nicht leer zurück, und unsere Gebete wären dann ein großer Dienst an den Menschen, an unserer Gesellschaft und für das Leben in der einen Welt.

Und damit würden wir einen Schatz heben, der uns als Christinnen und Christen und uns als Kirche auszeichnet. Wir wären damit wieder neu einladende und attraktive Kirche für suchende Menschen. Denn weltweit sind es gerade die betenden und dienenden Kirchen, die den meisten Zulauf haben.





„Wir beten für dich, Michael Schumacher!“

Im Grunde genommen hat die BILD-Zeitung uns diesmal die Augen geöffnet, auch wenn sie oft über die Grenze der menschlichen Würde hinausschießt. Ja, es ist unser Auftrag und unsere Bestimmung als Christ und Kirche, für andere Menschen zu beten. Aber bitte nicht nur für die im Rampenlicht, sondern auch und vor allem für die Menchen, die im Verborgenen und von vielen vergessenen ihr Leid tragen. Amen.




VON: MATTÄUS 7 (HARTMUT GÖRLER)





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Stand:  18.04.2010 21:58