Predigtarchiv

Zeit, um die Zeit nachzudenken
vom 07.12.13, 21:54    Rubrik: Predigten

Keine Zeit. Keine Zeit. Keine Zeit. Keine Zeit.

Nur noch eben shoppen gehen.

Nur noch eben Oma sehen.

Keine Zeit.

Nur noch eben Geld besorgen.

Und das Brot zum Frühstück morgen.

Keine Zeit.

Nur noch eben E-Mails checken

und den blöden Kater wecken.

Keine Zeit.

Nur noch schnell zum Arzt grad gehen

und den Arzt schnell überstehen.

Keine Zeit.

Nur noch schnell Getränke kaufen

und dann schnell das Bier versaufen.

Keine Zeit.

Hausaufgaben, husch und husch

und mit Hündchen hinter´n Busch.

Keine Zeit.

Nur noch schnell auf facebook gehen

und dort meine Freunde sehen.

Keine Zeit.

Nur noch schnell Geschenke suchen

und dann noch den Urlaub buchen.

Keine Zeit.

Nur noch schnell den Hund rausbringen

und dann schnell das Tanzbein schwingen.

Keine Zeit.

Nur noch schnell das Mittagessen,

ja, das wird hineingefressen.

Keine Zeit.


Nur noch schnell zum Haareschneiden

und den Blitzer dann vermeiden.

Keine Zeit. Keine Zeit.

Keine Zeit. Keine Zeit.

Keine Zeit. Keine Zeit.


Keine Zeit zu haben, ist eine Volkskrankheit.

Keine Zeit zu haben, ist irgendwie typisch für uns.

Für unsere Kultur zumindest.

Unsere afrikanischen Freunde kennen das so nicht, obwohl das moderne Leben mittlerweile auch nach ihnen greift. Von ihrer Kultur her können sie immer noch sagen: Ihr habt die Uhren. Wir haben die Zeit.

Ich kann mich noch gut dran erinnern: in Bukoba am Viktoriasee haben wir Sitzung für Sitzung ein wichtiges Treffen mit dem Bischof vorbereitet. Endlich war es so weit. Aber am Tag der entscheidenden Sitzung ging die Nachricht rum, eine entfernte Tante eines Kollegen sei verstorben. Das Treffen wurde abgesagt. Für die nächsten drei Tage stand Trauern auf der Tagesordnung. Meine Freunde und Kollegen hatten Zeit,viel Zeit, vor allem Zeit, um eine trauernde Familie zu besuchen, mit ihnen traurig zu sein, sie zu begleiten.


Wir aber leben so, als hätten keine Zeit.


Dabei haben doch auch wir Zeit.

Viel Zeit.

An jedem neuen Tag haben wir 24 Stunden zur Verfügung.

Einige dieser Stunden benötigen wir, um zu schlafen und im Schlaf neue Kraft zu tanken. So verbleiben etwa 16 Stunden an jedem Tag. Und was machen wir damit? Keine Frage, es gibt äußere Umstände, die sofort einen großen Teil der Zeit in Beschlag nehmen. Die Kinder und Jugendlichen müssen zur Schule. Keine Frage. Viele von den Erwachsenen müssen zur Arbeit. Auch keine Frage. Und auch sonst müssen viele Dinge erledigt werden.

Und trotzdem, wenn wir unter alles ein Strich ziehen, dann bleibt immer noch was übrig.


Und wenn nichts mehr übrig bleibt, dann sollten wir mal schauen, ob das oberhalb des Striches wirklich alles notwendig ist.


Vielleicht müssen wir einen neuen Blick lernen für die Zeit.

Vielleicht müssen wir wieder neu begreifen, dass die Zeit, die uns zur Verfügung steht zwischen Geburt und Tod in erster Linie geschenkte Zeit ist.


Ältere Menschen haben dafür oft einen sensibleren Blick, wenn sie morgens früh aufwachen und feststellen: Gott hat mir wieder einen Tag geschenkt. Einen weiteren Tag zum Leben. Gott sei Dank.


Zeit ist ein Geschenk. Ein kostbares Geschenk.


Und was machen wir, wenn wir ein kostbares Geschenk in der Hand halten? Wir passen auf, dass wir es nicht verlieren, dass es nicht zerbricht. Wir wiegen es in den Händen und wertschätzen es.


Zeit ist ein Geschenk. Ein ganz besonderes Geschenk. Jeden Tag neu.

Zeit ist aber auch ein zerbrechliches Geschenk. Schon morgen kann es sein, dass wir diese Zeit nicht mehr haben.


Und diese Zeit hat unterschiedliche Zeiten.

Alles hat seine Zeit, haben wir eben gehört.

Der Jahreskreis lebt es uns vor. Es gibt Sommer, Herbst, Frühling, Winter. Und auch in unserem Leben gibt es unterschiedliche Zeiten.


Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit

Pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit

Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit

Arbeiten hat seine Zeit und Ausruhen hat seine Zeit.

Schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit

Und es hört sich fast so an, als ob unsere Zeiten irgendwie ausgewogen sein soll. Es gibt nicht nur den Stress, sondern auch die Ruhe. Es gibt nicht nur die Arbeit, sondern auch die Freizeit. Es gibt nicht meine Hobbys, sondern auch die Hobbys anderer.

Und vielleicht sollten wir wirklich einmal eine Bestandsaufnahme machen und genau aufschreiben, was wir mit unserer Zeit eigentlich anstellen. Und dann werden wir Schieflagen entdecken und vielleicht feststellen: von der freien Zeit verbringen wir mehr Zeit vor dem Fernseher als mit unseren Kindern. Wir verbringen mehr Zeit vor dem Computer als mit unseren Freunden. Wir verbringen mehr im Keller mit der Märklin-Eisenbahn als mit der kranken Mutter nebenan.

Auch die Adventszeit ist so eine ganz besondere Zeit.

In früheren Jahren wurde sie gar als Fastenzeit genutzt, um Zeit für die eigenen Gedanken zu haben. Und eigentlich wünschen wir uns auch einander eine besinnliche Zeit - und rasen doch von einem Geschäft zum nächsten.

In einem Weihnachtslied heißt es: Es ist für uns eine Zeit angekommen, es ist für uns eine große Gnad.

Zeit. Adventszeit. Eine Zeit, um über unsere Zeit nachzudenken.Um aus dem Mäuserad herauszufinden und die Gnade neu zu entdecken.

Von unseren Tradtionen her will die Adventszeit eigentlich unseren Tageslauf verlangsamen. Erst brennt eine Kerze. Eine Woche erst kommt die zweite dazu. Und dann wiederum eine Woche später kommt erst die dritte. Alles ganz langsam, um Zeit zu haben für uns, für andere, für Gott. Oder eben die Kerze. Sie brennt, ganz langsam herab und schenkt uns viel Zeit, um unsere Zeit nachzudenken.

Und so haben mich die vier Kerzen eines Adventskranzes angeregt, darüber nachzu denken, wie ich meine Zeit sinnvoll füllen können.

Kerze 1: Gott kommt. Wie viel Zeit widme ich eigentlich Gott? Wie viel Zeit verbringe ich im Gebet, in der Bibellese, im Nachdenken und im Austasuch über Gott.



Kerze 2: Gott kommt zu mir. Wie viel Zeit nehme ich eigentlich für mich, damit ich zur Ruhe komme, damit ich Kraft schöpfen kann, damit ich neue Anregungen für mich bekomme.

Kerze 3: Gott kommt zu mir und zu mit meinen Mitmenschen. Wieviel Zeit verschenke an meine Familie, an meine Freundinnen und Freunde, an die Menschen, von denen ich weiß, dass es ihnen nicht gut geht.

Kerze 4: Gott kommt zu mir und zu meinen Mitmenschen, um Frieden zu bringen. Wieviel Zeit investierte ich für Frieden und Gerechtigkeit? Wie viel Einsatz bringe ich, damit die unterschiedlichen Kulturen in unserer Stadt versöhnt werden oder versöhnt bleiben? Wie viel Zeit opfere ich für Gottes gute Schöpfung, damit sie erhalten bleibt und sich weiter entfaltet?

Vier Aspekte des sinnvollen Umgangs mit der Zeit. Aber zum Glück haben wir ja Zeit, um darüber nachzudenken. Denn es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Gnad.

Amen.


VON: PREDIGER 3 IM ADVENT (GÖRLER)





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Stand:  18.04.2010 21:58