Predigtarchiv

Ein süßes Jesulein brauchen wir nicht.
vom 30.11.13, 13:28    Rubrik: Predigten

Das geht doch gar nicht. Das passt doch gar nicht in unsere Zeit. Die Geschichte von Jesus am Kreuz! Das ist doch ein Ärgernis! Das ist doch reine Provokation! Wir haben doch Advent und nicht Passionszeit. Das geht nun wirklich zu weit, Herr Görler!


Vielleicht mag der eine oder andere von Ihnen so gedacht haben! Und irgendwie haben Sie ja Recht. Aber, mir ging es genau so, als ich den für heute vorgeschlagenen Predigttext gelesen habe. Ich wollte ihn schon zur Seite legen. Ich war kurz davor, doch lieber einen Text zu nehmen mit Licht und Engeln und mit Glanz in der Dunkelheit.

Dieser Text geht doch gar nicht, habe ich mir gedacht. Das passt doch gar nicht in unsere Zeit. Das ist doch reinste Provokation.


Aber genau bei diesem Stichwort bin ich dann hängengeblieben. Provokation. Ja, vielleicht will uns auch Gottes Wort provozieren. Vielleicht will uns Gott uns und den von uns gestalteten Advent hinterfragen. Vielleicht will Gott uns ja aus unseren angestammten Vorstellungen herausreißen. Vielleicht will Gott, dass wir endlich wieder neu in eine andere Richtung denken, dass wir neu überlegen, wer und wie Gott wirklich ist und heraustreten aus unseren adventlichen Gewohnheiten.


Denn, für die Predigt am 1. Advent im Jahre 2013 ist folgender Bibeltext vorgesehen. Hebräerbrief, Kapitel 10, die Verse 19 bis 22. Gut zuhören. Der ist nämlich ganz schön kompliziert:


Weil wir denn nun, liebe Brüder (und ich ergänze liebe Schwestern), durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes,

und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes,

so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unseren Herzen

und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.


Wie gesagt, angeblich ein Adventstext. Sie grinsen, ja. Sie müssen ja auch keine Predigt darüber schreiben. Anfangs habe ich auch nur den Kopf geschüttelt. Das geht nicht. Mit den Schultern gezuckt. Das kann doch nicht wahr sein.

Doch dann habe ich mich in diese komplizierten Sätze hineingedacht. Vor meinem inneren Auge wurde auf einmal die Geschichte lebendig, als jener Vorhang des Tempels von oben nach unten zerriss.


Jesus hängt am Kreuz. Festgenagelt am Balken. Vor Schmerzen schreit er auf. Blut läuft ihm die nackten Beine hinunter. So langsam schwinden ihm die Kräfte. Nur noch ein paar Momente, dann wird er sterben. Auf einmal wird es dunkel. Und das am hellichten Tage. Die Menschen wundern sich. Was ist das? Ein Zeichen des Himmels? Ein Zeichen von Gott? Im selben Moment zerreißt jener berühmte Vorhang. Der großer Vorhang, der das Allerheiligste im Tempel vor neugierigen Blicken schützt. Der Vorhang, der die Menschen von Gott trennt. Der Vorhang, der den Zugang zum Allerheiligsten versperrt, zu dem Ort, wo nach altem Glauben Gott wohnt. Nur die allerhöchsten Priestern durften ihn betreten. Die normalen Menschen mussten draußen bleiben. Aber jetzt war er zerrissen, dieser Vorhang. Auf einmal dürfen alle Menschen hineinschauen. Auf einmal dürfen alle Menschen hineingehen. Zu Gott. Und seine Nähe erleben.

Und während noch die Menschen erstaunt auf jenen Vorhang schauen, stirbt Jesus. Er ruft noch aus: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Dann ist er tot.


Advent, denke ich an meinem Schreibtisch. Wir warten auf Jesus, dass er zu uns kommt.




Und auf einmal gehen mir die Augen auf. Natürlich! Dieser Text aus dem Hebräerbrief ist wirklich eine Provokation. Diese biblischen Worte hinterfragen das Jesusbild, das wir mit unserer Adventskultur transportieren. Diese hochkpmplizierten biblischen Sätze durchkreuzen - im wahrsten Sinne des Wortes – durchkreuzen unsere adventliche Gefühlsduselei und zerstören vielleicht sogar unser vorweihnachtliches Gehabe.


Süßer die Glocken nie klingen. Glühweinduft. Oh, Tannenbaum. Du holdes Jesulein. Die Babie-Puppe in der Krippe. Ein Kilo Gänsefleisch im Angebot. Spekulatius. Kerzenschein und im Hintergrund Weihnachtslieder von Peter Alexander.


Ist das Advent? Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen eine vorweihnachtliche Atmosphäre. Auch ich mag Kerzenschein und Plätzchenduft. Aber ist das der Jesus, den die Menschheit braucht?


Ein harmloser Jesus. Niedlich und klein. Romantisch dargestellt. Inbegriff der Gemütlichkeit. Ein süßer, lieblicher Jesus mit lockigem Haar. Was haben wir nur aus Jesus gemacht! Ein kleines Kind, das unser Mitleid weckt. Nein, diesen Jesus brauchen wir nicht. Wir brauchen auch keinen Friede-Freude-Eierkuchen-Gott. Wahrlich nicht. Mit dem brauchen ich nicht zu kommen, wenn ich im Wohnzimmer einer Frau sitze, die vor ein paar Tagen ihren Mann durch Selbstmord verloren hat.


Advent. Wir warten. Auf Jesus. Auf einen Jesus zu warten, liebevoll mit buntem Geschenkpapier eingepackt, lohnt sich nicht.

Für unsere Lebenskrisen, für unseren Lebensalltag, für unser Leben und Sterben brauchen wir den Sohn Gottes, den Gekreuzigten. Wir brauchen den Jesus, der mit uns leidet, der mit uns durch die finstersten Stunden der menschlichen Abgründe geht. Wir brauchen einen Gott, der uns die Schuld vergibt, damit wir uns endlich wieder aufrichten können.

Auf einen solchen Gott sollen wir warten. Für einen solchen König sollen wir Tore und Türen hoch machen.


Ich komme noch mal zurück zu jener jungen Witwe.

Was sage ich jener Frau im Wohnzimmer, die vor mir sitzt, geschockt von den Ereignissen der letzten Tage? Was sage ich ihren Kindern? Warum hat Gott das zugelassen? Warum hat er das nicht verhindert?


Ich habe keine Antworten. Ich muss mit mir weinen, mit ihr schweigen.

 

Vielleicht ist Gott wie ein guter Vater, der seine Kinder in die Freiheit entlässt. Vielleicht ist Gott wie eine gute Mutter ist, die ihren Kindern die Freiheit schenkt, eigene Entscheidungen zu fällen. Vielleicht ist Gott so, dass er uns unsere eigenen Entscheidungen aus Liebe gönnt. Ja das glaube ich: Gott ist kein Gott, der unser Leben schicksalshaft bestimmt. Gott, der Vater Jesu Christi, ist vielmehr ein Gott, der unsere Wege mitgeht, egal ob es gute und richtige Wege sind oder schlechte und falsche Wege.


Und wo war Gott., als der Ehemann starb?

Wieder merke ich sehr schmerzlich: einen Schmusegott, ein süßes Jesulein kann ich hier nicht gebrauchen.


Ich muss mich auf den Gekreuzigten werfen, auf den Christus, der für uns Menschen und mit uns Menschen leidet, auf den Christus, der das Elend der Menschen an sich heranlässt und daran zerbricht. Ich brauche den Christus, der unter der Last unserer Schuld zusammenbricht, um uns von Schuld zu befreien. Auf diesen König will ich warten. Diesem Gott will ich die Türen und Toren aufmachen.

Einen anderen brauche ich nicht.


Und mit diesem Blick kann ich vorsichtig glauben und hoffen, dass der gekreuzigte Christus bei dem sterbenden Mann war und bei dem toten Mann bleiben wird. Voller Gnade und Liebe.

Mit diesem Blick kann ich hoffen, dass Gott auch bei der Witwe mit ihren Kindern bleibt und sie nicht im Stich lässt.


Von daher bleibt die Frage im Raum stehen?

Auf welchen Gott warten wir? Was ist für uns Advent? Süßer die Glocken nie klingen oder vielleicht doch der Todesschrei Jesu am Kreuz.


Wir hier in der Stiftskirche haben diese Frage auch immer bildlich vor Augen. Wir haben ein Parament, ein Kanzeltuch, das beides zusammendenkt: den adventlichen Jesus und den Christus der Passionszeit. Sie sehen hier die Dornenkrone. Sie erinnert uns daran, dass das Kind in der Krippe niemand anderes ist als der Christus, der für uns am Kreuz stirbt.


Eine Provokation? Sicherlich, aber auch ein tiefer Trost. Amen.


VON: HARTMUT GÖRLER (HEBRÄER 10,19-22)





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Stand:  18.04.2010 21:58