Predigtarchiv

Wenn ich auf Dauer im Dunkeln tappe
vom 09.11.13, 13:25    Rubrik: Predigten

Ansprache im Rahmen des punkt11-Gottesdienstes am 9.11.2013 um 23.00 Uhr:

Das war ja eben eine coole Nummer. Als plötzlich das Licht ausging.

Wow. Von einer Sekunde auf die andere war auf einmal alles dunkel. Ich habe echt nichts mehr gesehen. War das eigentlich geplant? Oder war das ein Stromausfall? Blackout. Auf einmal geht gar nichts mehr.

Einen Black Out kann man aber auch ohne Stromausfall haben. Du sitzt im Klassenzimmer. Vor dir liegt der Aufgabenzettel der Mathearbeit. Du schaust drauf und weißt: eigentlich kann ich das, nur jetzt im Moment nicht. Dann tappst du ziemlich im Dunkeln. Black out halt.


Aber das passiert auch Erwachsenen. Da steht ein Geselle auf dem Gerüst. Er soll den Abschluss des Daches noch mal nachbessern. Er steht da und schaut und schaut noch mal und schaut auch noch ein drittes Mal. Aber die Festplatte hier oben ist für einen Moment gelöscht. Er weiß einfach nicht, was zu tun ist. Black out.


Aber auch ohne Black Out können wir manchmal im Dunkeln tappen. Und das kann ganz schön ätzend sein.

Nehmen uns noch mal die Mathearbeit vor. Dass diese eine Arbeit eine fünf ist, ist nicht so schlimm. Die zweite fünf macht dich schon nervös. Die dritte stimmt dich traurig. Und dann kommt noch Englisch und Erdkunde dazu. Du weißt einfach nicht, wie es weitergehen soll. Und in deiner Not fängst du an zu beten. Zu flehen. Und sagst: Gott, ich weiß nicht mehr weiter. Hilf mir.

Oder eine Frau. Sie hat sich fest vorgenommen, ihren Vater zu pflegen bis zum Tod. Ich habe ihm doch versprochen, dass ich ihn nie ins Heim geben werde. Aber die Frau merkt, wie die Kraft schwindet. Sie kann nicht mehr, schläft bei jeder Gelegenheit einfach ein. Jetzt erbricht auch noch jedesmal ihr Vater das Essen. Sie kann nicht mehr. Sie will nicht mehr . Gott, ich tappe im Dunkeln. Hilf mir!

Und dann? Was passiert dann?

Wenn wir ehrlich sind, meistens nichts. Kein Wunder. Keine Spontanheilung. Keine Hilfe, die vom Himmel fällt. Wir tappen weiterhin im Dunkeln und haben das Gefühl, Gott hat sich zurückgezogen.


Noch heute morgen hat mir eine Frau erzählt: Wann hört das endlich auf? Ein Schicksalsschlag folgt dem nächsten. Mittlerweile zweifele ich an Gott, warum er mir das so zumutet.


Und dennoch, dennoch will ich an dem Glauben festhalten, dass mit und nach unserem Gebet auch ein Wunder geschehen kann. Gott hat versprochen, unsere Gebete zu erhören und uns das zu geben, was wir zum Leben brauchen. Das hat er versprochen, und Gott hält sein Wort.

Er hat die Macht, hier und jetzt zu helfen und wie damals Wunder geschehen zu lassen. Und doch antwortet er auf seine Weise. Und das bedeutet eben, dass die Antwort manchmal anders anders ausfällt als wir denken und manchmal länger auf sich warten lässt, als wir zu hoffen wagen. Aber das auszuhalten, ist verdammt schwer.


Und so fühlen wir uns oft wie in einem finsteren Tal. Dann erleben wir eine schwerer Lebensphase, sind hilflos, niedergeschlagen, enttäuscht.


Übrigens wäre das nichts Neues. Der alte Prophet Jesaja beschreibt in seinem Buch seine Leute als ein Volk, das im Finstern wandelt. Seine Leute, die Israeliten, die tappten damals im Dunkeln, und zwar mit Recht. Ihre Häuser, ihr Tempel, ihre Felder und Gärten, die waren zerstört. Diese scheußliche Krieg hatte ihnen alles genommen: Hab und Gut, den Ehemann, die Kinder, die eigene Identität. Sie waren niemand mehr, jenes stolze Volk, das sich einst als das Volk Gottes verstand. Ein Volk, das im Finstern wandelt, waren sie. Mehr nicht.

Aber dieses Volk, so der Prophet Jesaja, sieht ein großes Licht. Noch ist alles dunkel um sie herum. Noch hat sich das Schicksal nicht gedreht. Noch erleben sie nur Dunkelheit. Aber dieses Licht das kommt, so gewiss wie die Sonne bald kommt, obwohl noch finstere Nacht ist. Dieses Licht kommt, weil Gott es aufgehen lässt. Gott hat sein Volk nicht vergessen. Gott hat ihr Schreien nicht überhört. Gott hat sich seines Volk angenommen, ist in die Dunkelheit getreten, um dort sein Licht auszurufen.


Übrigens. Einige Jahrhunderte später, genauer gesagt vor 75 Jahren, erlebte dasselbe Volk noch einmal dunkel Stunden, vielleicht die dunkelsten Stunden ihrer Geschichte. Heute vor 75 Jahren nämlich wurden in Deutschland Geschäfte von jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern geplündert. Heute vor 75 Jahren wurden Synagogen in Brand gesetzt. Zurück blieb ein Volk, das im Finstern wandelt. Aber jene Juden, die damals in die KZ´s verschleppt wurden, jene Juden, die sich auf die Flucht nach Israel begeben haben oder in andere Länder, die haben sich immer wieder dieses Wort einander vorgelesen: das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Sie haben sich einander daran erinnert, dass Gott die, die im Dunkeln tappen, nicht vergisst. Sie konnte sich damals nicht vorstellen, jemals wieder friedlich in Deutschland leben zu können. Und doch gibt es heute wieder eine kleine jüdische Gemeinde in Unna. Heute ist dieses Licht Gottes wieder aufgegangen, nach einer langen Wegstrecke des Leides und der Dunkelheit.


Aber was ist mit jenem Schüler oder mit jener Schülerin, die kaum noch Hoffnung hat für das Schuljahr oder für das Verbleiben auf der Schule?

Was ist mit jener Frau, die einfach nicht mehr kann, der die Pflege über den Kopf wächst?

Was ist mit der Frau, mit der ich heute morgen gesprochen habe?

Was ist mit uns, wenn wir beten „Gott, hilf“ und es passiert nichts?


Heute morgen habe ich keine Antwort gehabt.

Denn ich weiß, so ein bittere Wegstrecke kann manchmal ewig dauern, ohne dass sich das Schicksal entscheidend dreht.

Und ich kann auch euch nicht nicht versprechen, dass alles wieder gut wird, wenn ihr in der Schule nicht zurecht kommt.

Und ich kann den pflegenden Angehörigen nicht versprechen, dass sie die Kraft haben, um den eigenen Vater oder die eigene Mutter zu pflegen.


Wenn ich gefragt werde: „Wann hilft denn Gott endlich?“, dann muss ich in der Regel sagen „Ich weiß es nicht!“ Und wenn dieselben fragen, „wie hilft er denn?“, auch dann muss in aller Regel die Schulter zucken.


Aber:

Was ich aber trotz meiner eigenen Hilflosigkeit dennoch glaube, ist, dass Gott bevorzugt im Dunkeln zu finden ist.

Gott ist nicht im Licht und Glanz und lässt sich feiern.

Gott ist in der Dunkelheit zu finden. Gott weint mit den Weinenden.

Er leidet mit den, die leiden. Er teilt die Schmerzen, die Sorgen, die Ängste, die unser Leben dunkel machen. Gott ist kein Zauberer, der durch einmal Klatschen in die Hände Licht schafft. Gott ist einer, der Beziehung will, vorrangig zu denen, die im Dunkeln tappen. Gott ist einer, der das Leid der Menschen an sich heran lässt.


Und auch Jesus Christus sein Sohn ist nicht deswegen „Licht der Welt“, weil er eine strahlende Persönlichkeit ist, an der kein Leid genagt hat. Nein, gerade weil er all das Menschen an sich herangelassen hat, weil er letztendlich selbst am Kreuz gestorben, voller Schmerzen und Verachtung, deshalb ist er das Licht der Welt.


Und vielleicht ist das „Licht der Welt“ bzw. das „Licht, das über dem Volk scheint“ nicht der große Siege. Nicht die große wunderbare Heilung. Nicht das Verschwinden der eigenen Probleme. Sondern das Licht, das tief in meinem Herzen scheint, obwohl es stockdunkel um mich herum ist. Nämlich das Wissen: Gott ist da. Er hat mich nicht aus verlassen. Er ist da, wo es um mich herum dunkel ist. Wo ich traurig bin, verletzt, enttäuscht. Da ist Gott.


Und vielleicht hilft uns ja auch die Aktion von gleich. Wenn wir mit verbundenen Augen uns an der night line entlangen hangeln. Alles ist dunkel, aber da ist etwas, an dem ich mich festhalten kann.



VON: JESAJ 9,1 (HARTMUT GÖRLER)





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Stand:  18.04.2010 21:58