Predigtarchiv

Was tut mir eigentlich gut?
vom 13.10.13, 19:06    Rubrik: Predigten

Herr Wolf, der Name ist erfunden, springt aus dem Bett. Gestern Abend ist etwas geworden. Er hat nur wenig Schlaf bekommen. Aber heute morgen muss er wieder ran. Er holt sich schnell ein frisches Hemd aus dem Schrank, trinkt noch eine Tasse im Stehen. Etwas hektisch drückt er seiner Frau einen Kuss auf die Wange. Die Kinder schlafen noch. Mit großen Schritten rennt er zur Straßenbahn. Auf dem Bahnsteig ist schon viel los. Aus den Augenwinkeln sieht er eine alte Frau. Ihre Tasche ist ihr hingefallen. All ihre persönlichen Sachen liegen auf dem Boden. „Keine Zeit“, denkt er und steigt ein. Im Abteil streiten sich zwei Jugendliche. Der eine haut dem anderen die Nase blutig. „Dafür bin ich nicht zuständig“, denkt er und schaut weg. Auf dem Weg zur Firma noch schnell zum Bankautomaten. Zufrieden schaut er auf seine Belege. „Die Kasse stimmt“, denkt er sich. „Uns geht es gut“. Im Büro gibt es viel zu erledigen. Ein Anruf hier. Ein Fax dort. Von den E-Mails ganz zu schweigen. Er schaut auf die Uhr. Eigentlich wollte er heute früher nach Hause. Kindergeburtstag. Aber es liegt noch so viel Arbeit auf dem Tisch. „Ach, nur noch schnell wegarbeiten“, denkt er sich. Als er wieder auf die Uhr schaut, ist es fünf. Irgendwie geht es ihm heute nicht so gut. Ihm ist so heiß. Innerlich so unruhig. Endlich schließt er seinen Schreibtisch ab. Auf dem Nachhauseweg reißt er noch einen Schokoriegel auf und schmeißt die Verpackung achtlos weg. Gedankenversunken kommt er bei seinem Arzt vorbei. Er springt mal eben rein. Wie durch Zufall kommt er schnell ran. Der Arzt hört ihn ab, misst den Blutdruck. „Herr Wolf“, sagt er schließlich. „wenn Sie Ihre Lebensweise nicht ändern, werden wir uns schon bald regelmäßig sehen“. - „Ja, ja“, antwortet Herr Wolf, „nach dem Abschluss des nächsten Projektes“. Und schon ist er wieder draußen.

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert,nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.


Was steht in Ihrem Leben an erster Stelle?

Der Job?

Die Anerkennung im Beruf?

Die Gesundheit?

Die eigene Zufriedenheit?

Die eigenen Bedürfnisse?


Es kann nicht schaden, immer wieder innezuhalten und eine Bestandsaufnahme des eigenen Lebens zu machen. Was steht ganz oben auf meiner Liste? Und was kommt dann? Und was rückt ganz weit in den Hintergrund?


Meine Familie?

Mein Glaube?

Meine eigener Kräftehaushalt?


In dem Leben von Herrn Wolf läuft einiges schief, obwohl seine Kolleginnen und Kollegen vielleicht den Eindruck haben, er sei sehr erfolgreich. Und obwohl Herr Wolf selber ganz zufrieden ist, zumindest mit seinem Kontostand.


Auch bei dem Volk Israel zu Zeiten des Propheten Michas läuft einiges schief. Nach außen hin brummt die Wirtschaft. Die Geschäfte laufen gut. Geld fließt in Hülle und Fülle. Aber wer genau hinsieht, der stellt fest: auf dem Markt werden falsche Maße zugrunde gelegt, und die Waagen sind mit falschen Gewichten bestückt. Die Reichen bereichern sich, und die Einwohner von Jerusalem halten es für normal, die Unwahrheit zu sagen. Wenn ich das Buch des Propheten Micha lese, dann stoße ich auf eine lange Liste von solchem Unrecht.


„Halt“, ruft der Prophet dazwischen. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert,nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“.


Gottes Wort halten.

Liebe üben.

Demütig sein.


Drei Prinzipien, die auch uns gut tun würden.


Gottes Wort halten. Nicht nur sich selbst sehen, sondern den Blick von sich selbst abwenden. Nicht nur die eigenen Gedanken denken, sondern auch mal Gottes Gedanken wagen. Hören, was ER sagen zu sagen, welche Vorstellungen von Leben ER hat. Zu erkennen: ich bin sein Geschöpf. Allerdings ein geliebtes Geschöpf, das auch geliebt wird, wenn es keine Leistung bringt und wenn es nicht erfolgreich ist. Über Schuld und Vergebung lernen. Von der Kraft der Heilung hören. Maßstäbe entdecken, die ich schon längst aus den Augen verloren habe. Im Gebet die eigenen Sorgen und Freuden vor Gott bringen. Zu erahnen, dass Gott vielleicht noch ganz andere Ziele für mein Leben sieht.


Liebe üben. Mit mir selbst gegenüber gnädig sein. Mich selbst nicht überfordern, sondern auch mal fünfe grade sein lassen. Auf meine eigene Erholung achten.

Aber auch über mich hinaustreten. Den anderen in den Blick und seine Bedürfnisse. Zu sehen, dass meine Kinder mich brauchen, meine Frau, meine Eltern, meine Nachbarn. Respekt einüben auch denen gegenüber, denen das Leben nicht gelingt. Die anderen Menschen mit Gottes Augen sehen. Hilfsbereit. Unrecht beim Namen zu nennen. Gottes gute Schöpfung achten. Die Hektik des Tages unterbrechen, um einem Menschen in die Augen zu schauen.


Demütig sein. Sich selbst nicht so schrecklich zu wichtig. Nicht immer nur nach oben streben, sondern mit dem zufrieden zu sein, was Gott mir schenkt. Auf Macht zu verzichten, auf das Gefühl: ich muss immer besser sein als die anderen. Auch mal über den eigenen Schatten bringen zu können, damit andere mal einen Vorteil haben. Den eigenen Stolz ablegen und erkennen, dass vieles in meinem Leben nicht meine Leistung ist, sondern Geschenk.


Auf dem Rückweg werden die Schritte von Herrn Wolf immer schneller. Der Kindergeburtstag ist zwar vorbei, aber vielleicht schafft er es noch zu jenem Vortrag im Rathaus. „Wie ich über mich hinauswachse“. Darüber referiert ein Coach für Führungskräfte. Auf einmal bleibt Herr Wolf. Im Vorbeigehen hat er etwas gesehen. Nichts besonderes. Ein alltäglicher Gegenstand. Aber genau der bringt ihn zum Nachdenken. Eine ganze Weile steht er da, angelehnt an der Hauswand und betrachtet das Stopschild.


Gottes Wort ist manchmal wie ein Stop-Schild.

Halte inne!

Denke doch mal darüber nach!

Was ist in deinem Leben wichtig?

Was ist vielleicht gar nicht wichtig und raubt dir ganz viel Zeit und Kraft.


Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert,nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Amen.


VON: MICHA 6,8 (HARTMUT GÖRLER)





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Stand:  18.04.2010 21:58