Predigtarchiv

Wenn ich zu keiner Entscheidung komme
vom 13.09.13, 12:29    Rubrik: Predigten

„Soll ich das blaue Sofa nehmen oder das graue?“ Herr Schmidt, der Name ist frei erfunden, steht zum x. Male vor den beiden Sofas im Möbelhaus. „Das blaue hat eigentlich das schönere Muster. Das graue aber hat schönere Füße. Ach wenn doch das blaue die Füße des grauen hätte“. - „Schatz, soll ich das graue oder das blaue nehmen“. Du meinst das braune wäre auch nicht schlecht?“ Herr Schmidt läuft hin und her und her und hin. Schießlich geht er nach Hause. Er will noch mal drüber schlafen. Das wiederholt sich allerdings noch drei mal. Als er schließlich vor den Kundenberater tritt und ihm sagt „Ich nehme das graue“ trifft ihn der Schlag. „Leider schon verkauft!“ sagt der Verkäufer, „und wir kriegen´s auch nicht mehr rein!“


So kann´s gehen. Und ich entnehme Ihrem Grinsen, dass Sie Ähnliches auch schon mal erlebt haben.


Nun gut, die Frage, ob nun ein blaues oder graues besser zu uns passt, ist nicht die entscheidendste Frage in unserem Leben. Es gibt deutlich wichtigere Fragen.


Im letzten Jahr haben einige ehrenamtliche Mitarbeiterinnen unser Jugendarbeit Abi gemacht. Und dann stand die Frage im Raum: Was soll ich denn jetzt studieren. Und dann haben sie unter anderem auch mit mir hin und her überlegt. Über Wochen ging das Ganze. Was für eine Quälerei.


Oder wenn es um die Frage von Partnerschaft geht. Soll ich es wagen, oder soll ich es doch nicht wagen? Und ob dann die Methode „Sie liebt mich. Sie liebt mich nicht“ die richtige ist, ist doch sehr zu bezweifeln.



Die Frage ist natürlich: wie kommen wir zu einer guten Entscheidung.


Um zu einer Entscheidungsfindung zu kommen, hat Gott ganz allgemein uns den gesunden Menschenverstand gegeben. Wir dürfen unsere offenen Fragen durchdenken, durchfühlen, mit anderen besprechen. Wir dürfen und können und sollen uns informieren. Wir dürfen und können und sollen das Für und das Wider abwägen und dann nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden.


Uns Christinnen und Christen hat Gott darüber hinaus noch eine ganz andere Möglichkeit gegeben. Das Gebet. Wir dürfen Gott darum bitten, uns eine Antwort zu geben auf unsere Frage, ein Ziel für unser Suchen. Und ich vertraue darauf, dass Gott auch tatsächlich antwortet. Allerdings glaube ich, dass er das auf vielfältige Weise tut. Und das macht das Ganze ganz schön kompliziert. Manchmal öffnet oder schließt er ganz offensichtlich Fenster und Türen. Manchmal gibt er nur ganz kleine Fingerzeige. Es bleibt also auch mit Gebet letztendlich unsere Aufgabe, eine Antwort auf unsere Frage zu suchen.

Übrigens glaube ich, und das sage ich jetzt nur mal in Klammern, dass Gott auch die führen kann, die nicht darum beten.


Paulus, so komme ich langsam zu meinem biblischen Hintergrund für heute, hatte auch so ein Problem. Vielleicht war es auch kein Problem, vielmehr eine Herausforderung, eine Aufgabe, bei der er nicht so recht wusste, was auf ihn zu kommt.


Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! (Apostelgeschichte 16,9) Diesen Ruf hatte er in einem Traum gehört und er wusste: das war sein Weg. Und jetzt? Ich stelle mir vor, wie Paulus sich hinkniet und betet. „Gott, ist das so? So ich das wirklich machen? Soll ich wirklich die gute Nachricht von Jesus Christus nach Europa bringen? Ich weiß doch gar nicht, wie es da drüben zu geht. Bin ich wirklich dazu befähigt?“ Er betet und betet. Keine Antwort. Zumindest erzählt die Bibel all das nicht.

So fährt er los von Troas nach Samothrake, nicht wissend, was ihn erwartet. Und ich glaube, dieses „Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake“ ist die eigentliche Leistung, die Paulus vollbracht hat. „Gott, ich weiß nicht, ob der Weg jetzt richtig ist. Ich weiß es nicht. Aber ich will ihn gehen und darauf vertrauen, dass du mitgehst“. Wege entstehen, wenn wir sie gehen. Ein Motto eines langjährigen Ehepaares, die sich letzte Woche haben segnen lassen. Wege entstehen, wenn wir sie gehen. Und weil Paulus losgegangen ist, hat Gott all das gesegnet, was nun folgte. Und selbst falsche Einschätzungen nutzte Gott, um Großes aufzubauen.


Denn Paulus war völlig im falschen Film. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Was müssen das für frustrierende Tage gewesen sein. Paulus vertraut darauf, dass er das Evangelium nach Europa bringen soll. Und es passiert nichts. „Gott, was ist los? Ich dachte, ich darf hier deine Kirche aufbauen, aber nichts passiert? Zeig mir doch, was ich machen soll und machen kann!“ Nichts passiert. Herrlich. Ich finde das einfach nur herrlich. So entlastend für mich. Denn ob nun privat oder in der Gemeinde, manchmal packe ich was an, und es passiert nichts. Ich spreche mit einer Jugendlichen und will ihr helfen, und es passiert nichts. Wir bauen den CVJM auf, und es passiert nichts. Und doch ist Gott schon längst am Werk.


Weiter geht’s mit den Fehleinschätzungen. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte. Wieder geht Paulus los. Auf gut Glauben. Innerhalb der Stadt hat er verzweifelt nach einer jüdischen Gemeinde gesucht, und nichts gefunden. Er hatte noch seine Strategie im Kopf. Er war in seinen eigenen Gedanken gefangen. Er suchte jüdischen Männer, um mit ihnen über den Glauben sprechen zu können und fand sie nicht. Entweder gab es gar keine, oder er war ein Blindfisch. Und trotzdem ging Paulus los, ohne zu wissen, was passieren würde. Wege entstehen, wenn wir sie gehen. Und was muss das für eine Enttäuschung gewesen sein. Er hatte so gehofft, betende Männer zu finden, mit denen er hätte diskutieren können. Und was passiert? Er trifft nur ein paar Frauen. Vermutlich haben die Wäsche gewaschen. Wieder total realistisch.

Wir laden zu einem Glaubenskurs ein. Zu einem Bibelabend. Wir haben uns ganz viel ausgedacht, alles bestens geplant, und dann kommen nur ein paar Hansel ins Gemeindehaus. Und noch nicht mal die, mit denen wir etwas anfangen könnten. Nicht die Alpha-Typen, die wir gerne hätten. Was für eine Enttäuschung. Und doch ist Gott schon längst am Werk.


Denn erstens kommt anders und zweitens als man denkt.


Apostelgeschichte 16,14+15: Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf Acht hatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.


Weil Paulus einfach losgegangen ist, weil er nicht gewartet hat, weil er darauf vertraut hat – aus meinen kleinen unsicheren Schritten wird Gott Großes entstehen lassen – weil Paulus einfach mal was ausprobiert hat, sind wir heute hier. Denn aus der Hausgemeinde von Lydia ist die gesamte europäische christliche Kirche entstanden. Da seht ihr mal, was aus ganz kleinen Schritten entstehen kann.


Ich habe diese Geschichte ausgewählt, weil ich den Eindruck hatte, das sie euch vielleicht entlastet. Ich weiß, dass ihr als Gemeinde seit geraumer Zeit schwere Entscheidungen vor euch her schiebt. Was machen wir mit der Jugendarbeit? Sollen wir wieder einen Hauptamtliche anstellen? Oder sollen wir vielleicht einen Prediger suchen? Wie können wir wieder neu nach außen strahlen? Was ist mit der Ladenkirche in der Stadtmitte, direkt an der Fußgängerzone? Ist das unser neues Standbein? Aber woher sollen wir das Geld und vor allem das notwendige ehrenamtliche Engagement nehmen?

Fragen über Fragen, und je länger ihr darüber nachdenkt, desto mehr Fragen ergeben sich.


Wege entstehen, wenn wir sie gehen.


Ich unterstelle euch, dass ihr um diese Frage intensiv gebetet habt. Ich vertraue auch darauf, dass Gott euch als Antwort einige Impulse gegeben hat. Ich gehe mal davon, dass ihr euren gesunden Menschenverstand eingesetzt habt und alles Mögliche geprüft und hin und her gewogen habt. Von daher ist eigentlich alles getan. Jetzt gilt es, loszugehen, in diese oder jene Richtung. Jetzt gilt es, eine Entscheidung zu fällen, damit ihr euch nicht auf Dauer lähmt. Und egal ob die richtige oder die falsche Entscheidung fällt, Gott wird euer Losgehen segnen und daraus Neues, vielleicht etwas ganz Unerwartetes entstehen lassen. Ihr könnt tun und machen und planen und überlegen, und dann kommt, wenn es Gottes Wille ist, was ganz anderes auf den Tisch.


Gott segnet das Losgehen, und im Gehen werdet ihr merken, dass sich Türen öffnen und schließen, dass Menschen abspringen und neue hinzukommen. Ihr verabschiedet euch vielleicht von der einen oder anderen Idee und merkt dabei, dass ihr gleichzeitig offen werdet für neue Projekte.


Ich glaube, eure Gemeinde ist wie Paulus in Troas. Ihr habt die Vision gesehen. Ihr habt den Ruf gehört. Ihr habt Woche um Woche, Monat um Monat darum gerungen und gebetet. Und jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, ins Schiff zu steigen und loszufahren. Ihr wisst noch nicht, in welche Richtung? Keine Sorge, Gott weiß. Ihr wisst noch nicht, wo ihr in 10 Jahren steht? Keine Sorge, Gott weiß. Setzt einen Punkt. Geht los, und Gott wird euch zeigen, wohin.




Übrigens gilt das auch für ganz persönliche Situationen. Bei vielen von euch springen vermutlich die Gedanken jetzt hin und her. Sie haben eine ganz bestimmte Fragestellung vor Augen. Eine quälende Entscheidung, die ansteht. Graues oder blaues Sofa? Vermutlich sogar eine viel gewichtigere Frage. Soll ich es tun? Soll ich es lassen?


Ich bitte euch herzlich,

erstens darum zu beten, allein, mit anderen, in der Gemeinde. Gott wird eure Gebete hören und darauf antworten.


Ich bitte euch zweitens,

euren Grips einzusetzen. Gott hat euch den gesunden Menschenverstand gegeben, damit ihr ihn einsetzt. Gott hat uns Menschen Gehirnmasse gegeben als Hilfestellung in den vielen Fragen des Lebens. Die dürfen wir gerne nutzen.


Und ich bitte euch drittens,

nach einer Phase des Betens und des Prüfens loszugehen. Blockiert euch nicht selber. Steht euch nicht selber im Weg, sondern vertraut darauf, dass Gott schon längst am Werk ist. Und scheut euch nicht vor falschen Entscheidungen; denn selbst die kann Gott nutzen, um seine Linien zu ziehen. Macht es wie Paulus. Steigt ins Boot und rechnet damit, dass Gott vor euch her geht.


VON: APOSTELGESCHICHTE 16, 11-15 (GÖRLER)





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Stand:  18.04.2010 21:58