Predigtarchiv

Vom Sinn des Klingelbeutels
vom 24.08.13, 20:12    Rubrik: Predigten

Eine kleine amüsante Geschichte zu Anfang. Die Küsterin hat ja wahrlich schon viel erlebt. Sie hat schon Hosenknöpfe im Klingelbeutel gefunden und Kinokarten, fernöstliche Münzen und abgelutschte Kaugummis, Kassenbons und Haarspangen. Aber diesmal, diesmal geht es wirklich zu weit. Diesmal schlägt es wirklich 13. Nach dem Gottesdienst greift sie, wie gewohnt, tatkräftig in den schwarzen Beutel hinein. Aber noch im selben Moment zieht sie ihre Hand panisch zurück. Irgendetwas, so scheint ihr, hat sie gebissen. Ganz vorsichtig schüttelt sie die gesammelten Werke auf den Tisch in der Sakristei. Schon kommt ein alter Mann um die Ecke. Etwas verschämt spricht er die Küsterin an:. „Entschuldigen Sie bitte, haben Sie mein Gebiss gefunden? Das ist mir beim Kramen in der Tasche aus dem Mund gefallen!“

Nun gut, ich hoffe, dass Sie gut auf Ihr Gebiss aufpassen. Letztendlich geht es mir auch nicht um Ihre Zähne, sondern um den Klingelbeutel. Die Geschichte vom „Almosengeben“, wie wir sie eben gehört haben, ist für den heutigen Sonntag als Predigttext vorgeschlagen. Und sie weckte in mir die Frage, warum wir eigentlich bis zum heutigen Tag in evangelischen Gottesdiensten Almosen einsammeln, warum es bis zum heutigen Tag Kollekten gibt.

Auf den ersten Blick eine einfache Frage mit einer einfachen Antwort: die Kirche braucht Geld. Und weil sie nicht genug hat, sammelt sie einmal, zweimal, manchmal dreimal in einem Gottesdienst Geld ein. Hinzu kommen Spendenaufrufe und freiwilliges Kirchgeld. Manchen geht diese Sammelei tierisch auf den Zeiger. Mit Recht oder auch nicht.

Natürlich ist die Kirche bei rückläufigen Kirchensteuereinnahmen mehr denn je auf zusätzliche Geldeinnahmen angewiesen. Und trotzdem ist die Geldknappheit eigentlich nicht der Grund, warum wir zwei Kollekten im Gottesdienst haben.

Das Almosengeben bzw. das Geldspenden sind vielmehr von Urzeiten her eine Ausdrucksform unseres Glaubens an Gott. Und das möchte ich gerne in meiner Predigt näher erläutern.

Die Kollekte ist erstens eine Art und Weise, Gott Danke zu sagen.

Schon bei den alten Israeliten war es gute Tradition, Gott als Dank für seine Bewahrung und für seine Führung regelmäßig ein Zehntel des Eigentums zu opfern. Damals waren es natürlich landwirtschaftliche Erträge, Anteile der Ernte und eine bestimmte Zahl von Herdentieren. Später wurden diese durch Geldgaben ersetzt.

Gott hat uns wunderbar geschaffen, so haben die Israeliten damals gesagt. Gott hat unsere Väter – Abraham, Isaak und Jakob – berufen. Gott hat uns aus Ägypten in die Freiheit geführt. Gott stand uns in all den Jahren treu zur Seite. Darum wollen wir ihm die Ehren geben mit unseren Gaben.

Ein uralter Gedanke. Ein ganz moderner Gedanke. Denn auch wir haben allen Grund, Gott zu danken. Auch wir sind reich beschenkt. Beim sogenannten Almosengeben, beim Kollektieren, beim Spenden, geht es auch darum, inne zu halten und mal wieder darüber nachzudenken, welche Reichtümer Gott in unser Leben gelegt hat.

Vielleicht könnten sich folgende Gedanken finden, wenn wir gerade eine Spende in den Klingelbeutel legen:

Guter Gott, du hast mir viel gegeben. Ich habe ein Dach über dem Kopf. Ich habe jeden Tag etwas zu essen. Ich habe mein Einkommen, mehr als genug. Ich kann mir Dinge leisten, die sich andere nicht leisten können. Ich kann sogar in den Urlaub fahren und mir schöne Tage machen. Ich habe eine liebe Familie, Freundinnen und Freunde, die für mich da sind. Ich bin einigermaßen gesund und darf leben. Weil das so ist, weil du Gott mich beschenkt hast, deshalb gebe ich gerne ein Teil meines Geldes ab. Ich will dir damit Danke sagen. Ich kann dir auch mit meinen Liedern danken, mit meinen Gebeten, mit meiner Fröhlichkeit. Ich will es aber auch mit meinem Geld tun als Sinnbild für die Fülle, die du in mein Leben gelegt hast.

Zweiter Gedanke: Die Kollekte ist auch ein Ausdruck unserer diakonischen Verantwortung füreinander.

Durch die ganze Bibel zieht sich jener rote Faden, dass es Teil unseres Glaubens ist, Menschen in Not zu helfen. Schon bei dem Propheten Jesaja, lange Zeit bevor Jesus geboren wurde, heißt es:

Brich mit dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Und wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deiner Verantwortung.

Ein berühmtes Wort, das der leidende Christus, der Sohn Gottes, kurz vor seinem Verrat, vor seiner Verurteilung und Hinrichtung, noch mal in besonderer Weise auf den Punkt gebracht hat.

Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.

Im Gesicht der alleinerziehenden Mutter, in den Händen des ausländischen Mitbürgers, in den Kindern, die zu Hause misshandelt werden, in dem Gesicht der schwangeren Jugendlichen, im Gesicht unserer Gäste der Tafel Unna, ja selbst in den Inhaftierten des hiesigen Justizvollzugskrankenhauses können und werden wir Gott begegnen. So sagt es Christus. In der Begegnung mit den sogenannten Armen steckt ein tiefes Geheimnis. In dem helfenden Handeln ist Gott gegenwärtig. Und deshalb sind auch unsere Geldgaben, die Menschen in Not unterstützen, in diesem Sinne eine diakonisches Handlung und eine Begegnung mit Gott.

Es geht nicht darum, ein Ritual am Leben zu halten. Man macht das halt so.

Es geht auch nicht darum, unser eigenes eigenes Gewissen zu beruhigen.

Es geht darum, mit der Kollekte und dem Geld spenden sich zum eigenen Glauben verhalten: Ich glaube an einen Gott, der sich barmherzig den Menschen zu wendet und der von mir erwartet, dass auch ich mich den Not leidenden Menschen barmherzig zuwende. Deshalb gebe ich gerne einen Teil meines Geldes ab, damit anderen Menschen damit geholfen wird.

Dritter Gedanke: der bewusste Umgang mit dem Geld ist ein starkes Bekenntnis zu Gott.

Irgendwann einmal haben sich Jesus und seine Jünger auch über das Geld unterhalten. Und Jesus kam in diesem Zusammenhang zu dem Spitzensatz: Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Und mit dem Begriff Mammon meinte er nichts anderes als das liebe Geld.

Dass Geld auch eine Faszination ausüben kann, das weiß jeder. Jeder hätte gerne mehr Geld. Dass Geld aber auch Macht ausüben kann, Streit stiftet und Neid bringt, das wissen wir auch. Und dass das Geld selbst große, internationale Zusammenhänge bestimmt und wie ein Fluch wirken kann, das ist uns durch die letzten Finanzkrisen mehr und mehr deutlich geworden.

Ein bewusster Umgang mit dem Geld und ein bewusstes Teilen und ein bewusstes Spenden kann vor diesem Hintergrund dann eben auch ein Bekenntnis zu Gott sein. Ich glaube an Gott und dass Gott die Welt bestimmt und nicht das Geld. Ich glaube an Gott und vertraue darauf, dass er unser Leben absichert und nicht das Geld, und um das auszudrücken, gebe ich gerne ein Teil meines Geldes ab, auch wenn ich dadurch etwas ärmer werde. Denn ich werde freier dadurch, unabhängiger von meinem Geld und abhängiger von Gott.

Vom Almosengeben. Das war das Thema unserer heutigen Lesung.

Vom Klingelbeutel und von der Kollekte handelte meine kleine Predigt.

Beides, Lesung und Predigt, wollen Sie und mich neu ins Nachdenken bringen:

Welche Schätze hat Gott eigentlich in mein Leben gelegt und wie kann ich ihm dafür danken?

Welche Menschen hat Gott mir eigentlich anvertraut und wie kann ich ihnen helfen?

Welche Abhänigkeiten gibt es eigentlich in meinem Leben und wie kann ich Gott wieder einen angemessenen Raum in meinem Alltag geben?

Das Geld im Klingelbeutel ist nur eine kleine Randerscheinung. Und doch können gerade die Münze und Scheine uns über viel tiefere Fragen menschlicher Existenz nach Nachdenken bringen.

Aber auch die Kirche als Institution muss immer zu ihrem eigentlichen Auftrag zurückfinden. Es kann und darf und soll nicht sein, dass sie immer lauter klagt, wie wenig Geld sie hat. Ihr größter Schatz ist doch das Wissen, dass Gott in Jesus Christus Menschen geworden ist. Der eigentliche Reichtum der Kirche sind nicht die Rücklagen, sondern das wunderbare Evangelium Gottes in seinem Sohn Jesus Christus. Amen.


VON: MATTHÄUS 6,1-4 (HARTMUT GÖRLER)





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Stand:  18.04.2010 21:58