Predigtarchiv

Goldkonfirmation: Erinnerung und Aufbruch
vom 14.06.13, 12:30    Rubrik: Predigten

Eine kleine Geschichte vorab:

Frau Wagner schaut zufrieden in die Runde. Schön, dass die Kirchengemeinde alle noch mal eingeladen hat. 50 Jahre ist es nun her, dass sie in der alten Kirche gemeinsam konfirmiert wurden. Und der Gottesdienst von eben, der war so richtig schön. Die Orgel, und die alten Lieder. Und trotzdem war alles anders als früher. Die Kirche ist gestrichen worden. Viel zu kräftig das Rot. Und der Altar ist irgendwie auch neu. Und die junge Pfarrerin, die kannte sie ja gar nicht. Na ja, die Hauptsache ist doch, dass ihre alten Freunde gekommen sind. „Helga, was ist eigentlich aus Horst geworden?“ Helga Sieland blickt ruckartig auf. „Horst, welcher Horst?“, fragt sie. „Ach, das war doch der, der die Zähne so schief hatte!“ - „Ach so, keine Ahnung. Von dem habe ich nach der Volksschule nichts mehr gehört!“ Nach einer kleinen Pause erhebt nun Frau Sieland wieder ihre Stimme: „Aber kannst du dich noch an Hilde erinnern?“ - „Ja, ja, die hatte doch was mit dem Sohn von der Marktschänke!“ - „Ja, ja, genau, dass du das noch weißt! Damals waren die Jugendlichen halt auch nicht anders als heute!“- „Und Pfarrer Stollberg?“ ergänzt Frau Wagner, „lebt der denn eigentlich noch?“ „Ich weiß nicht“, antwortete Frau Sieland, „aber ich glaube der ist tot! Überleg doch mal, der war doch damals schon alt!“ - „Wenn wir nicht aufgepasst haben, dann hat der immer mit dem Stock auf den Tisch gehauen. Ja, damals, das herrschten noch Zucht und Ordnung!“ - „Das stimmt“, pflichtet Frau Sieland bei, „aber dass das heute ein bisschen lockerer zugeht, ist auch nicht schlimm!“ - „Und wie hieß noch mal das Mädchen, das so früh gestorben ist? Maria?“ - „Maria, ja kann sein. Und bei ihrer Beerdigung hat Pfarrer Stollberg sogar geweint. Das weiß ich noch!“ - „Ja, das war ein feiner Kerl, der Pfarrer Stollberg. Der hat richtig fest geglaubt. Der hat immer wieder gesagt: Kinder, vergesst das eine nicht: Gott legt seine unsichtbare Hand auf eure Schulter! Komisch, dass ich gerade diesen Spruch noch im Gedächtnis habe!“ Nachdenklich hebt Frau Wagner ihre Tasse Kaffee hoch und nippt daran. „Irgendwie ist viel mehr hängen geblieben von damals als ich gedacht hätte“. „-Da hast du Recht“, entgegnet Frau Sieland. „Wir könnten noch stundenlang erzählen!“


Wie gesagt. Alles erfunden. Ich weiß nicht, ob es damals den Horst mit den schiefen Zähnen gab. Ich weiß auch nicht, ob Hilde wirklich was mit dem Sohn der Marktschänke hatte. Ich weiß auch nicht, ob es damals eine Maria gab, die früh gestorben ist und ob Pfarrer Stollberg wirklich so war.

Aber was ich weiß, ist, dass an einem Tag wie heute ganz viele Erinnerungen wieder hoch kommen. Welche schrecklichen die Jungen von damals getragen haben. Welche schrecklichen Frisuren die Mädels damals hatten. Wie schön doch die Zeit war nebenan im Stiftsgebäude. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere auch noch seinen Konfirmationsspruch. Oder an Geschichten, die damals im Konfirmandenunterricht erzählt wurden. Die Geschichte vom Barmherigen Samariter gehört wohl dazu. Aber auch die Geschichte von Zachäus.


Ja, ja, viele schöne und gute Erinnerungen kommen heute hoch, und sie werden gleich nebenan im Gemeindehaus genügend Zeit haben, um sie einander zu erzählen. Vielleicht kommen auch weniger schöne Geschichten auf den Tisch. Auch die gehören zum Leben.


Erinnerungen gehören zur Jubelkonfirmation einfach dazu.


Und doch ist das nur ein Grund, warum wir Sie heute nach Fröndenberg eingeladen haben.

Ein anderer Grund ist dieser: wir wollen Ihnen vor Augen halten, dass die biblischen Geschichten von damals, die Konfirmationssprüche und die Segensworte auch heute noch ihre Bedeutung und ihre Ausstrahlung.

Damals vor 50 Jahren wurde sozusagen mit Ihrer Konfirmation ein Stein in eine Wasseroberfläche geworfen, und heute, nach 50 Jahren, zieht dieser Stein immer noch seine Kreise.

Nehmen wir einmal die Geschichte von eben diesem Zachäus. Jesus ging nach Jericho hinein und ging hindurch. So beginnt jene Geschichte in der Fassung nach Martin Luther. Und auf dem Weg durch Jericho trifft Jesus auf viele unterschiedliche Menschen, unter anderem auf Zachäus. Er sieht ihn, wie er auf einen Baum geklettert ist. Er lädt sich zu ihm ein. Die beiden sitzen gemeinsam an einem Tisch und essen miteinander. Und dann stellt Jesus fest: Heute, heute ist diesem Haus Heil widerfahren.

Und ich gebe zu, diese „heute“ hat für mich den Ausschlag gegeben, warum ich diese Geschichte für heute ausgewählt habe. Ich habe an Sie gedacht, daran, dass Ihrem Lebenshaus damals vor 50 Jahren Heil widerfahren ist. Und ich habe diese „heute“ gehört und mich daran gefreut, dass Ihrem und meinem Lebenshaus auch heute Heil widerfahren kann.


Und in der Tat. Diese Geschichte von Zachäus wurde damals ja nicht in der Bibel festgehalten, weil Zachäus so ein toller Hecht war oder so interessanter Mensch. Diese Geschichte wird seit 2 Jahrtausenden erzählt, um auszudrücken, wie Jesus zu seinen Lebzeiten war und wie er als Auferstandener ist.


Jesus geht zu den Menschen. Er tat es damals. Er tut es heute, und er wird es auch zukünftig tun. Jesus geht in die Städte. Er geht umher und schaut sich die Menschen an. Er geht ihre Wege mit. Er schaut ihnen in die Augen. Er schaut ihnen ins Herz.


Und wenn wir heute Goldkonfirmation feiern, dann in dem Vertrauen und in der Erwartung, dass Jesus Christus auch heute durch unsere Reihen geht. Ob wir nun Zachäus heißen oder vielleicht Wilhelm, Helga, Kurt oder Maria, das ist nicht entscheidend. Er kommt in unsere Stadt. Er tritt in unser Leben. Er schaut uns an. Er teilt unsere Fragen und Sorgen, unsere Themen und Herausforderungen und lässt uns wissen: Heute ist diesem Haus Heil widerfahren. Und damals wie heute trifft Jesus auf seinem Weg durch die Städte auf unterschiedliche Leute. Auf Menschen, die feste glauben, und auf Menschen, die feste zweifeln. Auf Menschen, die erfolgreich ihr Leben gestalten konnten und auf welche, die eine Niederlage nach der anderen einstecken mussten. Auf Menschen, die scheinbar zuverlässig und sauber aufgetreten sind und auf Menschen, die ganz viel Dreck am Stecken haben. Und doch legt er allen seine Hand auf die Schulter und sagt zu ihnen: ich muss heute in deinem Haus einkehren.


Und von daher werde ich nachher auch über Sie den Segen ausrufen. Ich werde Sie segnen, im Namen und im Auftrag Jesu Christi, damit Sie hören und sehen und spüren: Gottes Kraft ist auch heute wirkmächtig. Gott ist mir auch heute nahe. Gottes Liebe ist immer noch da. Und sein Segen prägt mein Leben bis zur heutigen Stunde.


Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.


Es ist gut und richtig, wenn wir von Erinnerungen zehren. Es ist wertvoll, wenn wir auf positive Erfahrungen zurückgreifen können. Und manchmal sind uns diese alten Geschichten auch das einzige, was uns erhalten geblieben ist. Unser Gott ist aber auch ein Gott der Gegenwart. Und Glaube kann und soll eben auch heute ein Kraft sein, ein Halt, eine Perspektive.


Von daher hat eine Goldkonfirmation gleich drei Ebenen: sie ist ein Rückblick auf längst vergangene Zeiten. Sie ist ein dankbares Wahrnehmen, dass mich auch heute sieht und ein Aufbruch in eine Zukunft mit dem Gott, der mich seit Jahren begleitet.


VON: HARTMUT GÖRER (LUKAS 19,1FF)





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Stand:  18.04.2010 21:58