Predigtarchiv

Das verlorene Taschentuch
vom 21.03.13, 09:59    Rubrik: Predigten

Hoppla! Was liegt denn hier? Ein Taschentuch! Wer hat das denn verloren? Gehört das Ihnen? Ach nein. Dort steht ein Name drauf. Maria. Heißt hier jemand Maria? Oder sollte es das Taschentuch jener Maria, von der die Bibel erzählt? Maria, aus dem kleinen Ort Magdala. Hat sie ihr kleines Taschentuch verloren, oder hat sie es weggeworfen? Braucht sie es nicht mehr? Denn so weit ich weiß, gehörte das Taschentuch zu Maria wie kaum ein anderer Gegenstand. Sie hat es oft benutzen müssen. Sie hat damit oft ihre Tränen abgewischt, ihre Nase geschnäuzt. Seit ihrer Kindheit hatte sie ihr Taschentuch immer dabei. Denn Maria hatte es schwer in ihrem Leben. Viele Jahre war sie schwer krank. Die Ärzte wussten nicht so recht, was sie hatte, was ihr fehlte. Sie beschrieben ihre Krankheit mit sieben Dämonen. Was damit gemeint war, wer weiß? Auf alle Fälle dürfen wir davon ausgehen, dass sie unter ihrer Krankheit furchtbar gelitten hat. Sie wird oft geweint, ihr eigenes Schicksal verflucht haben. Sie hat ihr Taschentuch gebraucht, sich daran festgehalten. Und weil sie so krank war, wollte sie auch niemand heiraten. Sie hatte keine eigene Familie. So hat sie sich oft sehr allein gefühlt, und auch in dieser Einsamkeit war ihr Taschentuch ihr innigster Begleiter. Oh ja, das Taschentuch, es könnte Geschichten erzählen. Maria hat ihm all das anvertraut. Geschichten voller Schmerz und Traurigkeit.

Doch dann wurde alles anders. Sie begegnete diesem Jesus. Der hat gesehen, wie schlecht es ihr ging, wie traurig sie war. Er blieb stehen, berührte sie und heilte sie von ihrer Krankheit. Wissen Sie, wie das ist, nach langer Krankheit gesund zu sein? Maria fühlte sich wie neu geboren. Da war auf einmal eine Fröhlichkeit, die sie noch nie so gekannt hatte. Ihr Taschentuch brauchte sie nun vor allem für Freudentränen. Aber sie legte es nicht zur Seite. Wer weiß, wofür sie es noch gebrauchen kann. Es würden sicherlich auch wieder schwere Zeiten kommen. Und doch war ihr Leben auf einmal anders. Sie war nicht mehr allein. Wenn sie weinen musste, hatte sie Jesus an der Seite. Wenn sie traurig war, hatte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Es war für sie eine der glücklichsten Zeiten ihres Lebens. Zum einen war sie mit anderen Jüngerinnen und Jüngern zusammen. Gemeinsam hörten sie diesem Jesus zu, wie er voller Begeisterung von Gott und seiner Liebe erzählte. Das waren Geschichten, die ihr durch Mark und Bein gingen, und manchmal, manchmal krampften sich vor Anspannung ihre Finger in ihr Taschentuch. Manchmal musste sie ihr Taschentuch herausholen, um ihre Lachtränen abzuwischen.

Doch dann passierte etwas Schreckliches. Als Jesus mit ihnen nach Jerusalem zog, wurde er gefangengenommen. Jesus, der niemanden etwas Böses getan hatte! Er wurde wie ein Verbrecher behandelt. Da war Maria wieder starr vor Schreck, und ihre Hände wurden vor Angst und Entsetzen ganz kalt, wie damals, als sie noch krank war. Und wie er dann gekreuzigt wurde! Angstschweiß hatte sie auf ihrer Stirn, Tränen, die ihr Taschentuch wie damals nässten. Auch noch zwei Tage danach, als sie traurig und voller Angst an seinem Grab saß. Am nächsten Morgen aber war alles irgendwie anders. Sie kamen hin zum Grab, aber es war leer. Der Stein war fort gerollt, und der Leichnam Jesu lag nicht mehr dort, wo er am Karfreitag noch hingelegt wurde. Stattdessen saß dort eine Gestalt, die einem Engel gleich war. Maria knetete nervös an ihrem Taschentuch. Was soll das bedeuten? So etwas hat sie ja noch nie erlebt? Da hörte sie jene Stimme: „Fürchtet euch nicht! Ihr sucht Jesus, er ist nicht hier. Er ist auferstanden!“

„Auferstanden? Jesus soll nicht länger tot sein, sondern leben?“ Maria von Magdala und die anderen Frauen waren ganz durcheinander. Noch ein letztes Mal holte Maria ihr Taschentuch hervor und tupfte sich ab. „Sollte das wahr sein? Sollte Jesus wirklich leben?“ Ganz verstört liefen die drei Frauen weg und wagten zunächst nicht, irgendjemanden zu erzählen, was sie gehört und gesehen hatten. Erst allmählich konnten sie glauben, was ihnen von Jesus erzählt wurde. Und als andere dieselbe Botschaft bestätigen, da wussten sie: Jesus lebt! Da brauchte Maria ihr Taschentuch nicht mehr. Sie wusste: der auferstandene Christus wird immer an meiner Seite sein. Ich werde immer meinen Freund bei mir haben, wenn ich traurig bin. Ihm kann ich alles anvertrauen. Ich brauche mein Taschentuch nicht mehr. Und als Maria von Magdala irgendwann auf dem Hügel Golgatha an dem leeren Kreuz vorbeiging, an dem Jesus einst hing, legte sie ihr Taschentuch ab. Wenn Gott stärker ist als der Tod, wenn Gott das Leben will, dann werden meine Tränen nie endgültig sein. Dann werden auch meine Tränen, mein Schmerz, mein Kummer, meine Sorgen von der Kraft der Auferstehung Jesu abgelöst werden.

So liegt ihr Taschentuch nun hier an dem Kreuz auf dem Alten Friedhof, und wenn Sie mögen, dürfen auch Sie Ihr Taschentuch mit dazu legen. Amen.


VON: HARTMUT GÖRLER





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Stand:  18.04.2010 21:58