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Mein Gott, warum hast du mich verlassen?
vom 20.03.13, 11:04    Rubrik: Predigten

PSALM 22

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ich schreie,

aber meine Hilfe ist ferne.

Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,

und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.

Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften,

halfst du ihnen heraus.

Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden

nicht zuschanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,

ein Spott der Leute und verachtet vom Volke.

Alle, die mich sehen, verspotten mich,

sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:

»Er klage es dem Herrn, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen

an ihm.«

Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen;

du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.

Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an,

du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.

Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.

Gewaltige Stiere haben mich umgeben,

mächtige Büffel haben mich umringt.

Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf wie ein brüllender und reißender

Löwe.

Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,

alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst;

mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.

Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe,

und meine Zunge klebt mir am Gaumen,

und du legst mich in des Todes Staub.

Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt;

sie haben meine Hände und Füße durchgraben.

Ich kann alle meine Knochen zählen;

sie aber schauen zu und sehen auf mich herab.

Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.

Aber du, Herr, sei nicht ferne;

meine Stärke, eile, mir zu helfen!

Errette meine Seele vom Schwert, mein Leben von den Hunden!

Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern wilder Stiere –

du hast mich erhört!


PREDIGT

Da hängt er nun, dieser Jesus, der, der Zeit seines Lebens den Menschen erzählt hat, dass Gott ihnen nahe ist, der Kranke geheilt und Traurige getröstet hat im Namen Gottes.

Da hängt er nun, dieser Jesus, der, der dem schuldbeladenen Zachäus einen Neuanfang geschenkt hat, der, der selbst den römischen Hauptmann in die neue Gemeinschaft mit aufgenommen hat.

Da hängt er nun, dieser Jesus, der, der Frauen ein neues Recht und Behinderten eine neue Würde verliehen hat.

Da hängt er nun, dieser Jesus, festgenagelt am Kreuz, wie ein billiger Halunke bestraft. Bespuckt, verschmäht, geschlagen. Zum Tod verurteilt. Seine Freunde haben ihn verlassen. Das Blut rinnt ihm aus den Wunden. Die Schmerzen kann er nicht aushalten. Langsam schwindet ihm das Bewusstsein. Er hat anderen geholfen und kann sich selbst nicht helfen. Schon wird es dunkel um ihn, da schreit er auf: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Noch einmal schreit Jesus auf und stirbt.


Vielleicht der intensivste Moment in seinem Leben. Vielleicht der Moment, in dem die tiefsten Abgründe menschlichen Daseins ihren Ausdruck verleihen.


Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?


Mir drängen sich Bilder auf. Geschichten. Menschliches Elend, zweitausend Jahre danach. Wüste Bilder, schlimme Dinge, Schreie gegen die Wand und Rennen gegen Mauern. Zerfetzte Kinder, missbrauchte Mädchen, ausgetrocknete Brüste, Leichenberge, Minenopfer.


Ich höre die Geschichte von einem Mann im Iran. Er hat Frau und Kind. Er wird Christ, als sein Sohn 5 Jahre alt war. Damals in Teheran, im Iran. Eine Entscheidung, die böse Folgen hat. Sie quälen ihn, werfen ihn ins Gefängnis, brechen ihm die Rippen.

Die junge Familie muss fliehen und bis heute noch nicht nach Hause zurückgekehrt. Mein Gott, mein Gott, warum hast du sie verlassen.


Ich kenne ein Großmutter in Tansania. Eigentlich hat sie ihr Leben gelebt. Eigentlich würde sie sich gerne zur Ruhe setzen, ihren Bananenhain genießen und Verantwortung abgeben. Aber sie kann nicht. Sie darf nicht. Ihre Kinder sind bereits gestorben. Aber die Enkel, die leben noch. Sie wollen versorgt werden, müssen zur Schule, müssen zum Krankenhaus gebracht werden, wenn sich mal wieder eine Malaria eingestellt hat. Eigentlich kann die alte Frau mehr, aber sie muss. Und dann höre ich, sie ist gestorben, zerbrochen an der übergroßen Aufgabe. Und jetzt? Was ist mit den Kindern? Ich weiß es nicht. Mein Gott, mein Gott, warum hast du sie verlassen.


Aber solche Grenzerfahrungen gibt es nicht nur in der fernen Welt . Wi finden sie auch hier, manchmal sogar in unserem eigenen Leben.


Ich denke an eine junge Mutter. Sie hat sich so sehr auf ihr Kind gefreut. Sie hat es unter Schmerzen geboren und hat es gern getan, nur damit das Kind lebt. Aber es will nicht leben. Es kann nicht leben. Es verstirbt in den Armen der Mutter. Mein Gott, mein Gott, warum hast du sie verlassen.


Oder eine Frau. Ihr Mann hat sich von ihr getrennt. Das macht ihr zu schaffen, das bricht ihr das Herz, raubt ihr, im wahrsten Sinne des Wortes, den Verstand. Sie dreht durch. Sie durchleidet Ängste, die sie noch nie gekannt hatte. Sie zittert innerlich und äußerlich. Sie sieht Gespenster, fühlt sich verfolgt. Sie kann nicht mehr, sie will nicht mehr. Mein Gott, mein Gott, warum hast du sie verlassen?


Sie kennen solche Erfahrungen.Vielleicht nicht solche extreme. Aber Erfahrungen der Gottverlassenheit, die Sie wohl.

Wo war denn Gott, als ich die Arbeitsstelle verlor?

Wo war denn Gott, als meine Ehe auseinander ging?

Wo war denn Gott, als die Krebserkrankung mir meine Ehefrau geraubt hat?

Wo war denn Gott, als ich von jenen miesen Betrügern über´s Ohr gehauen wurde?

Wo bist du, Gott? Hast du dich abgewendet? Siehst du nicht, wie es mir geht? Hörst du nicht, was ich zu dir rufe? Interessiert es dich nicht, welche Sorgen ich mir mache? Bist du überhaupt da? Gibt es dich denn überhaupt?


Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?


Und was soll ich als Seelsorger ihnen sagen?

Was sollen wir als Christen ihnen sagen?


Jesus


gibt gar keine Antwort auf diese Fragen. Überhaupt keine Antwort. Ganz im Gegenteil. Er stellt sie selber, diese quälende Frage nach Gott. Er hält sie aus, diese Erfahrung der Gottesferne. Keine kluge Gegenrede. Kein Wort der Hoffnung. Kein Fürchte dich nicht. Noch nicht mal ein Gebet. Überhaupt keine Antwort. Nur noch ein lauter, gequälter Schrei des Opfers. Dann der Tod. Jessu stirbt elend.


Das ist seine Antwort auf unsere schmerzende Frage nach der Gegenwart Gottes.


Aber weil da einer ist, der wie wir diese Gottverlassenheit kennt,

weil da einer ist, der unsere Tränen weint

und unsere Schmerzen teilt,

weil da einer ist, der das alles aushält,

wird unserer Gottverlassenheit, unserer Grenzerfahrung und unserer Lebenskrise die Endgültigkeit genommen.


Ich bin nicht allein mit meinen Sorgen und Fragen,

Christus, der Gekreuzigte, ist an meiner Seite.

Und Gott selber tritt, das Wunder von Ostern, in die Gottlosigkeit.


»Sei nicht so fern!

Ich liege im Dreck.

Keiner hilft mir.

Sie haben mich umzingelt.

Der Mob hat mich eingekreist.

Sie haben ihre Mäuler aufgerissen.

Sie sind schlimmer als Bestien.

Und ich bin wie Wasser, hingeschüttet.

Meine Knochen sind wie aufgelöst.

Mein Herz?

Ist in mir zerflossen. Wie Wachs.

Meine Kehle? Ausgetrocknet, eine Scherbe.

Die Zunge klebt mir am Gaumen.

Du hast mich in den Staub des Todes gelegt!

Hundevolk umlagert mich, eine ganze Meute.

Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt.

Ich kann all meine Knochen zählen.

Ihr Blick herrscht über mich.

Sie teilen meine Kleider unter sich auf,

werfen das Los über meine Sachen.

Und du, Herr!

Hilf doch!«


VON: HARTMUT GÖRLER (MATTHÄUS 27,46)





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Stand:  18.04.2010 21:58