Predigtarchiv

Kann ich glauben, auch wenn ich vieles nicht verstehe?
vom 07.03.13, 16:20    Rubrik: Predigten

Hä? Ich versteh nur Bahnhof. Das ist doch zum Mäusemelken. Eigentlich bin ich doch ein kluges Kerlchen. In der Schule habe ich lesen gelernt, aber irgendwie komme ich nicht weiter. Ich lese, aber verstehe nicht.


Nein, ich zitiere keinen Jugendlichen, der das Arbeitsblatt seiner Deutschklassenarbeit in der Hand hält und nicht weiter weiß.


Ich rede von dem ersten Afrikaner, der getauft wurde. Den weiten Weg von Äthiopien nach Jerusalem hat er gemacht, um endlich eine Antwort auf seine Frage zu bekommen, wer denn Gott sei und wie Glaube gehen wird. Er hat sich extra ein Buch gekauft, die Bibel. Er liest dieses Buch ganz genau und versteht es trotzdem nicht.


Und damit steht er nicht allein. In der Bibel finden wir auch die Geschichte von Nikodemus. Der hat sich mit Jesus unterhalten. Und irgendwann sagte Jesus: Wenn du nicht neu geboren wirst, kannst du das Reich Gottes nicht sehen. Hä? sagt da Nikodemus. Dieser Jesus, der redet in Rätseln. Was redet der da bloß für ein Zeug? KP. Kein Plan!


Also ehrlich, ich find das gut. Nein, nein, ich meine nicht, dass Nikodemus damals keinen Plan hatte. Ich find das gut, dass die Bibel nicht nur von Menschen erzählt, die super toll glauben können, die alles wissen und denen alles gelingt. Nein, ich finde gut, dass die Bibel auch von den Menschen berichtet, die dieselben Schwierigkeiten mit Gott und Glaube und Kirche haben wie wir. Das macht sie auch irgendwie sympathisch. Die Bibel erzählt nicht die Geschichten von Superchristen, sondern Geschichten von Menschen wie du und ich.


Denn auch ich verstehe manchmal die Bibel nicht. Da muss ich über irgendeine Textstellen kluge Gedanken formulieren, aber ich verstehe sie einfach nicht.


Und dass das jenem Mann aus Äthiopien und dem Herrn Nicodemus genauso erging, finde ich dann beruhigend.


Und ich kann mir vorstellen, dass euch Konfirmanden das auch so geht. Ihr habt jetzt 1 ½ Jahre Konfizeit hinter euch. Ihr habt vielleicht 30 Andacht von uns gehört. Ihr habt vielleicht 40 mal die Bibel aufgeschlagen. Ihr wart vielleicht 10 mal im Gottesdienst. Habt vielleicht 25 verschiedene Lieder gesungen. Und jetzt geht langsam die Konfi-Zeit zu Ende. Und dann kommt noch so etwas wie eine Prüfung. Die einen haben sie schon hinter sich, die andere noch vor sich. Wieder andere kommen ganz geschickt drumherum.

Da könnte ja man den Eindruck gewinnen, dass ihr jetzt alles wissen müsstet. In dieser Logik wäre also Glaube:

ich muss das Vater Unser,

ich muss das Glaubensbekenntnis aufsagen können,

ich muss das „One way“ rauf und runter,

ach ja, und die elf Gebote, die muss auch wissen, am besten in der richtigen Reihenfolge.

Und wenn ich das alles kann, dann glaube ich richtig.

Ist aber nicht so.

Der Äthiopier wusste nicht alles.

Nicodemus wusste nicht alles.

Kein Mensch auf der Welt kann alles wissen.

Unbeantwortete Fragen und ein Nichtverstehen gehören zum Glauben dazu und sind nicht das Gegenteil von Glaube.


Von daher fand ich es gut, dass eine Konfirmandin bei dem Thema Glaube auf ihren Zettel geschrieben hat: Ich weiß nicht, ob ich glaube.


Diese Konfirmandin hatte offensichtlich ein Gespür dafür, dass das nicht alles sein kann: das Vater, das Glaubensbekenntnis, ein Lied, die Gebote. Aber glaube ich denn überhaupt, wenn ich noch so vieles nicht verstanden habe? Glaube ich, auch wenn ich bei so mancher Aussage in der Bibel die Schulter hochziehe und mich ahnungslos umschaue?

Vielleicht hilft uns ja der Text, den wir eben gehört haben.


Gott sagt: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege.


Wir können Gott gar nicht bis ins letzte Detail hinein verstehen. Er denkt ganz anders als wir. Er tickt ganz anders. Er hat einen ganz anderen Blick als wir. Einen ganz anderen Überblick. Er spielt in einer anderen Liga, und wir können uns überhaupt nicht mit ihm messen Das heißt: weil wir Menschen sind, können wir ihn und sein Wort und seine Logik mit unserem bisschen Gehirn nicht durchdringen. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir vieles nicht verstehen. Und deswegen ist es richtig und wichtig, dass die Bibel von jenem Afrikaner und von Nikodemus erzählt.


Aber dann sagt der Prophet Jesaja doch noch etwas ganz Tröstliches.


Ach wisst ihr, schaut doch mal aus dem Fenster, sagt er. Schaut euch den Regen an. Der fällt vom Himmel auf die Erde herab und versickert in der Erde. Und schon bald ist er aufgesogen, einfach weg, ohne dass etwas passiert ist. Und mit Recht könnt ihr fragen, welchen Sinn dann überhaupt Regen macht. Aber der Regen macht die Erde feucht. Und die Blumen und Pflanzen und Bäume nehmen aus dieser Erde das Wasser auf, damit sie selber wachsen und blühen und Frucht bringen können.


So ist das auch mit Gottes Wort. Ihr müsst und könnt es gar nicht durch und durch verstehen. Aber dieses Wort, Gottes Wort, es fällt vom Himmel wie Regen in euer Leben. Und es kann sein, dass unverstanden und unbeachtet irgendwo in eurem Leben versickert. Aber vertraut darauf: das Wort Gottes, es wird seine Auswirkung haben. Es wird euch helfen, zu Persönlichkeiten heranzuwachsen und es lässt auch euren Glauben reifen und wachsen.


Was heißt das für euch, liebe Konfis und Konfinen?


Wenn ihr euch noch unsicher seid, ob ihr richtig glaubt,

wenn ihr vielleicht frustriert seid, weil ihr doch noch so vieles nicht verstanden habt,

macht euch keine Sorgen.

Das, was ihr in eurem Konfi-Zeit gehört, gelesen, gesungen und erfahren habt, das ist wie Saatgut, das in der Erde verborgen liegt.

Vielleicht liegt das da auch noch eine Weile.

Vielleicht sogar Jahre. Wer weiß.

Aber Gottes Segen wird wie Regen sein, und er wird aus dem, was irgendwo in einem Kämmerchen im Gehirn verborgen liegt, etwas Schönes wachsen lassen.


Von daher ergibt sich auch eine andere Definition von Glaube?


Glaube ist dann das Vertrauen, dass Gott für mich sorgt und mich wachsen lässt, auch wenn ich vieles nicht verstehe.


Amen.





VON: HATMUT GÖRLER (JESAJA 55,10+11)





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Stand:  18.04.2010 21:58