Predigtarchiv

Sintflut - zorniger oder helfender Gott?
vom 03.03.13, 00:00    Rubrik: Predigten
Der Regenbogen, er spannt sich  über unser Leben. Vom ersten Tag an  ist er da, und beim letzten Atemhauch steht er immer noch am Firmament. Der Regenbogen.  Wie ein große Klammer umgibt er unsere Leben, unser Lachen und Weinen, unser Schaffen und Ruhn, unser Starksein  und unser Schwachsein. Der Regenbogen. Gottes Segenbogen. Sein Wort, sein Versprechen, seine Verheißungen begleiten uns  an jedem Tag:  Ich verlasse euch nicht. Ich halte euch fest. Ich bin an eurer Seite. Mit meinem Segen, der wie Regen  sanft auf eure Erde fällt. Der Regenbogen. Er ist gespannt  für uns, für dich, für mich. Gottes Bogen vom Himmel zur Erde.           Dezember 2011.         Heftige Regenfälle in Dar Es Salaam. Die Niederschläge wollen         nicht aufhören. In den Senken der Millionenstadt sammelt sich         das Wasser. Kurz vor Weihnachten spitzt sich die Situation noch         einmal zu. Große Teile der Megacity stehen unter Wasser. Häuser         stürzen zusammen, gerade die illegal gebauten, die Hütten der         Ärmsten der Armen. Über 50 Menschen sterben in den Fluten.         Vermutlich mehr. Denn eine verlässliche Berichtserstattung gibt         es nicht. Und doch wird klar: das ist die schlimmste         Überschwemmung seit 1954. Unsere Freunde der Partnergemeinde         Azania Front melden sich per E-Mail. Betet für uns, schreiben         sie. Wir überweisen Geld, damit unsere Partnergemeinden         kurzfristig und spontan Hilfe leisten können.     7 Monate später         bin ich selber in Dar Es Salaam. Ich spreche mit Menschen, die         eben diese Überschwemmung miterlebt haben. Ich spüre beides,         tiefe Trauerigkeit und Bestürzung angesichts der Opfer und der         Zerstörung – und Dankbarkeit angesichts der Bewahrung.      God has set his         rainbow over us. Gott hat seinen Regenbogen über uns gespannt,         über die Opfer, über die Hinterbliebenen, über die Überlebenden,         über die, die von der Flut gar nicht viel mitbekommen haben.      Natürlich kommt         mir die biblische Noah-Geschichte in den Sinn. Gott schickt eine         Sintflut, weil er die Menschen ungehorsam sind. Er kann ihre         Sünden nicht mehr ertragen. Nur Noah rettet er und seine         Familie. Und alle Tiere. Er befiehlt dem Noah, eine Arche zu         bauen, hineinzugehen, zu warten, bis die Sintflut ein Ende hat.         Schließlich laufen die Wasser auseinander. Die Arche setzt sich         irgendwo am Berg Ararat fest. Gott öffnet von außen die Tür der         Arche, so dass die Menschen und die Tiere wieder hinaustreten         können. Und dann schließt Gott einen Bund mit ihnen. Wir haben         die dazu gehörenden Worte gerade eben gehört. Als Zeichen seines         Bundes setzt er seinen Regenbogen in die Wolken. God has set his         rainbbow over us, über die Opfer, über die Hinterbliebenen, über         die Überlebenden, über die, die von der Flut gar nicht viel         mitbekommen haben.      Eine interessante         Deutung der Noah-Geschichte, eine Interpretation, die uns oft         nicht so leicht von den Lippen geht.      Denn wir können         die Noah-Geschichte auch anders lesen. Und in der Tat kriegen         manchmal so ein komisches Gefühl in der Bauchgegend, wenn wir         über die Noah-Geschichte nachdenken. Gott hat Tausende Menschen         sterben lassen! Wie konnte er nur so gemein sein, so grausam, so         zerstörerisch, so vernichtend. Lediglich eine einzige Familie         durfte überleben. Alle anderen mussten sterben.      Schrecklich,         dieser Gott.      Oder auf die         Flutkatastrophe in Dar Es Salaam übertragen: Wie konnte Gott das         nur zulassen, dass mal wieder die Ärmsten der Armen gestorben         sind!     Das ist ein         möglicher Blick.     Die Sicht von         Überlebenden ist manchmal ganz anders. Auch sie sehen die         Katastrophe, aber sie selber haben Bewahrung erfahren, eine         schützende Hand angesichts eines Schicksalsschlages. Gott hat         auf mich aufgepasst, sagen sie. Gott hat mir das Leben gerettet.         Gott war mir Arche und Rettungsring, eine starke Hand, ein Seil,         an dem ich mich festhalten konnte. Gottes Schutzengel haben mich         umgeben.     Welches         Gottesbild stimmt nun? Das des strafenden Gottes, der Menschen         vernichtet? Oder das des bewahrenden, rettenden, helfenden         Gottes?     Eine einfache         Antwort gibt es bei der Noahgeschichte sicherlich nicht. Und ich         werde Ihnen und Euch wohl eine klare Antwort schuldig bleiben.         Denn beide Sichtweisen sind denkbar. Und auch ich bin hin- und         hergerissen.      Auf der einen         Seite muss ich Gott Gott sein lassen und ihn nicht kleiner         machen als er ist. Ich als kleiner poppeliger Mensch habe kein         Recht Gott vorzuschreiben, was gut und richtig ist. Das steht         mir nicht. Gott ist groß und allmächtig und heilig, und ich bin         nur sein Geschöpf. Das darf ich nicht vergessen.      Umgekehrt nehme         ich aber auch wahr, dass sich das Gottesbild selbst in der Bibel         nach und nach verändert hat. Schon im Alten Testament finde ich         eine ständige Bewegung zwischen dem Zorn Gottes und seiner         Barmherzigkeit. Gott ärgert sich über das Volk Israel, will es         am liebsten bestrafen, aber dann setzt sich wieder seine Liebe         durch.      Und im Neuen         Testament, in der Person Jesu, in seinem Reden und Wirken treten         die Liebe Gottes, seine Vergebung, das Heilende und Versöhnende         immer mehr in den Vordergrund. Und im Kreuz von Golgatha sehe         ich dann nur noch eine grenzenlose Liebe. Da hängt der Sohn         Gottes am Kreuz, um den schuldhaften Menschen den Zugang zu Gott         zu ermöglichen.      Welches         Gottesbild passt nun zur Noah-Geschichte? Das des strafenden         Gottes, der Menschen vernichtet? Oder das des bewahrenden,         rettenden, helfenden Gottes?     Die Menschen von         damals haben wohl am ehesten aus der Sicht der Überlebenden         erzählt. Archäologisch ist mittlerweile bewiesen, dass es in der         Gegend vom Ararat mal eine große Flut gegeben haben muss. Über         Generationen hinweg haben sich die Menschen wohl die Geschichte         erzählt, dass Gott Leben bewahrt und Ertrinkende gerettet hat.         Und irgendwann haben die Menschen diese Geschichte         aufgeschrieben, um Gott zu loben und ihm zu danken. Sie wollten         ihren Glauben ausdrücken und bekennen: unser Gott bringt keine         Zerstörung. Unser Gott hat sich an uns gebunden. Er hat uns         versprochen, dass Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und         Winter und Tag und Nacht nicht mehr aufhören werden. Sie haben         wohl die Noah-Geschichte als ein buntes Glaubensbekenntnis         formuliert, um auszudrücken, wie wunderbar ihr Gott ist.      Und von daher         halte auch ich mich an jene Deutung unserer Freunde n Dar Es         Salaam. Gott spannt seinen Regenbogen über alle Menschen, über         die Opfer und Überlebenden jener Flutkatastrophe, über die         Glaubenden und Zweifelnden, über die Erfolgreichen und         Verlierer, über Suchenden und Findenden. Gottes Bogen ist so         weit gespannt, dass alle Menschen darunter ihren Platz finden.

VON: HARTMUT GÖRLER (1. MOSE 9,12)





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Stand:  18.04.2010 21:58