Predigtarchiv

Meine Schwester, die Teepflückerin
vom 01.03.13, 13:39    Rubrik: Predigten
Asimwe, der Name ist frei erfunden, ist Teepflückerin südlichen Hochland der Region Iringa in Tansania. Sie ist 28 Jahre alt, aber schon Witwe. Im Dorf spricht keiner darüber, aber ihr Mann ist an AIDS gestorben. Zum Glück hat sie noch ihre Schwiegermutter. Die passt auf die beiden Kleinen auf. Sie selber arbeitet für die Tanzania Tea Authority, von morgens bis abends an sechs Tagen der Woche. Die Teeplantage erstreckt sich über 4000 Hektar. Eine riesige Landschaft, bestehend aus immer gleichen etwa hüfthohen grünen Teepflanzen. Mit ihrem Korb auf dem Rücken beginnt sie ihre Arbeit frühmorgens. Denn die Mittagshitze ist unerträglich. Nur die frischen, hellgrünen Blätter darf sie in ihren Korb werfen. Immer wieder schneidet sie sich eine Wunde in die Finger. Am Abend lässt sie ihren Korb wiegen. 120 T Shilling bekommt sie für 1 Kilo. Im letzten Jahr waren es noch 150. Heute hat sie 12 Kilo sammeln können und erhält dafür 80 Cent am Tag. Morgen kommt sie wieder. Und übermorgen. Und auch überübermorgen, wenn, ja wenn sie nicht krank wird. Dann verdient sie nichts. Und sie hat auch keine Krankenversicherung, die ihr mögliche Medikamente gegen Malaria erstattet.  Wie gesagt, der Name ist frei erfunden, aber realistisch ist die Geschichte dennoch. Wir haben selber Teeplantagen besucht und mit Betriebsleitern gesprochen und die Arbeitsbedingungen für Pflückerinnen kennengelernt. Als ich diese Teepflückerinnen getroffen habe, habe ich mir gestellt: Wer sind diese Menschen für mich? Habe ich irgendetwas mit ihnen zu tun? Habe ich mit ihnen zu schaffen? In welchem Verhältnis stehe ich zu ihnen? Nun ja, ich kann diese Frage rein sachlich beantworten: Diese Frauen auf jener Plantage pflücken den Tee, den ich in Deutschland genüsslich abends in meinem Sessel trinke. Insofern ergibt sich natürlich eine Art Beziehung zwischen den Teepflückerinnen und mir. Ich kann sie aber auch biblisch, theologisch beantworten, diese Frage. Eines Tages redete Jesus zu den Menschen und erzählte von Gottes Größe und Güte. Da kamen seine Mutter und seine leiblichen Brüder zu ihm und wollten ihn sprechen. „Jesus“, sagte einer seiner Jünger, „deine Mutter und deine Geschwister sind da und wollen mit dir reden“. Jesus stutze für einen Moment, so stelle ich mir das vor, dachte kurz nach und antwortete dann: „Das sind meine Brüder und Schwestern!“ und zeigte im gleichen Augenblick mit seiner Hand über die Menschenmenge. Und Jesus ergänzte noch: „Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter!“ Jesus wollte sicherlich nicht seine leiblichen Brüder und seine Mutter gering schätzen. Er nahm lediglich die Situation auf, um deutlich zu machen, dass Gott einen viel weiteren Familienbegriff hat als wir Menschen. Gott ist wie ein Vater im Himmel, und wir Menschen sind seine Kinder, Söhne und Töchter. Wir sind verschieden, so wie Geschwister eben verschieden sind. Aber sind und bleiben Brüder und Schwestern, egal wo wir leben. Egal welcher Kultur wir angehören. Egal welche finanziellen oder intellektuellen Möglichkeiten wir haben. Ein einfacher Grundsatz. Eine schlichte Weisheit. Aber schwer umzusetzen.  Nehmen wir einmal unsere Gäste im Diakoniefrühstück. Vielleicht drogenabhängig. Vielleicht Hartz-IV-Empfänger. Vielleicht ohne Schulabschluss, ohne Chance auf unserem leistungsbezogenen Arbeitsmarkt. Schauen Sie doch mal in ihre Gesichter, und dann erinnern Sie sich bitte an die Geste, an seinen Arm, der über die Menschenmenge zeigt, an seine Worte: Das sind deine Brüder und deine Schwestern. Oder Ihr Nachbar, der, mit dem Sie ständig in Streit leben, der, der Ihnen das Leben zur Hölle macht. Jesus zeigt auch auf ihn und sagt: Das ist dein Bruder, vergiss das nicht! Oder die Teepflückerin in Tansania. Jesus schaut sie an. Jesus hebt seinen Arm und sagt zu uns: Das, das ist deine Schwester. Ihr gilt meine Liebe, und für sie sollst du sorgen. Wie gesagt, ein einfacher Grundsatz, eine schlichte Weisheit, eine einsichtiges Gebot, dieses Liebesgebot Jesu, aber schwer umzusetzen. Und doch erwartet das Jesus von uns. Dieses Menschenbild hat Jesus selbst begründet. Es ist zutiefst biblisch und christlich. Alle Menschen stehen auf derselben Stufe. Sie sind Geschöpfe Gottes. Sie sind Brüder und Schwestern, und Gott ist wie ein gemeinsamer Vater und wie eine gemeinsame Mutter im Himmel.  Das hört sich schön an, aber in dem Moment, wo wir ernsthaft über diese Aussage nachdenken, spüren wir, dass wir unser Verhalten anpassen müssen.  Auf einmal müssen wir darüber nachdenken, ob wir auch weiterhin arrogant über die Gäste des Diakoniecafes den Kopf schütteln. Auf einmal werden wir in Frage gestellt, ob wir weiterhin so unversöhnlich mit unserem Nachbarn im Streit leben können. Auf einmal müssen wir uns Gedanken machen, ob es tatsächlich egal ist, welchen wir Tee wir kaufen.  Auf einmal müssen wir uns eingestehen, dass wir auch für jene Teepflückerin in Tansania Verantwortung haben. Denn es gibt auch Hellen. Hellen arbeitet auf einer Teeplantage, die regelmäßig von unabhängigen FAIR-TRADE-Kontrolleuren besucht wird. Auch sie verdient nur 130 T Sh pro Kilo, aber sie weiß, dass sie im nächsten und im übernächsten Jahr dasselbe Geld verdient. Sie kann damit planen, sich darauf verlassen. Und wenn sie an Malaria erkrankt, dann übernimmt ihre Betriebskrankenkasse die dann notwendigen Kosten. Und auf dem ganzen Feld werden keine Gifte gesprüht. Und ihre Kinder besuchen die Grundschule, die von der Teegenossenscahft gefördert wird. Hellen spürt: ich werde wahrgenommen. Ich werde gewertschätzt. Ich werde akzeptiert. Ich bin ein Teil der Familie Gottes, und ich habe Geschwister in Deutschland, Brüder und Schwestern, die dasselbe von mir denken.  Und Jesus streckte die Hand aus und sprach: Das ist meine Mutter, und das sind meine Brüder und Schwestern. 

VON: HARTMUT GÖRLER (MATTHÄUS 12,49)





<- Zurück zu: Predigten

Stand:  18.04.2010 21:58