Predigtarchiv

Weihnachten ist vorbei, oder vielleicht doch nicht?
vom 06.01.13, 00:00    Rubrik: Predigten

Weihnachten ist bei vielen schon vorbei. Die Geschenke sind schon fein säuberlich weggeräumt, das Geschenkpapier ist schon längst in der blauen Tonne entsorgt. Die Kekse sind aufgegessen. Der Kühlschrank ist mittlerweile wieder leer. Und die ersten Tannenbäume fliegen aus dem Fenster. Ach ja, der Urlaub ist vorbei, und die alltägliche Arbeit hat schon längst begonnen. Selbst die Ferien für die Schulkinder sind vorüber. Morgen, spätestens übermorgen geht der Trott wieder los. Weihnachten ist vorbei. Der Alltag ist eingekehrt.

 

Das war in Bethlehem bald ähnlich. Die Engel haben sich wieder verzogen. Ihr Gesang ist verhallt. Die Hirten sind wieder auf ihre Weide zurück, um sich um ihre Schafe zu kümmern. Der Glanz des Wunders ist gewichen. Zurück geblieben ist jene kleine Familie. Maria und Josef und Jesus. Mittlerweile ist der Alltag eingekehrt. Die drei kümmern sich darum, gezählt zu werden. Sie müssen sich behördlich melden, damit Kaiser Augustus auch wirklich weiß, wie viele Menschen in seinem Reich leben. Dazu die elterlichen Pflichten. Sie müssen sich erst einfinden. Das ist ganz schön kompliziert, ein neugeborenes Kind zu wickeln. Und dann diese Nächte. Kaum sind die beiden eingeschlafen, fängt Jesus an zu schreien. Und immer diese Sorgen! Hat das Kind vielleicht irgendetwas? Bauchschmerzen vielleicht? Oder ist es krank? Und dazu kommt noch, dass der Besitzer des Stalls will, dass die junge Familie ihn endlich wieder freiräumt. Dabei sind doch noch gar nicht alle geschäftlichen Dinge erledigt!Weihnachten ist vorbei. Der Alltag ist eingekehrt.

Und doch ist selbst in der Bibel die eigentliche Weihnachtsgeschichte nicht zu Ende. Während Maria und Josef sich abmühen und versuchen, die alltäglichen Aufgaben zu meistern, sind sie noch unterwegs, die drei Weisen aus dem Morgenland. Wir haben eben ihre Geschichte gehört.

Sie kommen nach Bethlehem unter schwierigsten Bedingungen. König Herodes hat von ihren erfahren und horcht sie aus. Er hat Angst um seine Macht, und Herrscher, die Angst haben um ihren Einfluss, sind gefährlich. Und in der Tat. Herodes schmiedet insgeheim seinen Plan. Er will Jesus töten lassen. Er wartet nur noch darauf, dass sie zurückkommen und ihm erzählen, wo sich das Kind befindet. Weihnachten ist vorbei. Von wegen „Frieden auf Erden, den Menschen seines Wohlgefallens“. Der Hass ist zurückgekehrt, der Neid, die Angst. Sie sind alle wieder da. Herodes führt einen privaten Krieg gegen diesen neugeborenen König. Und die drei Weisen aus dem Morgenland, die müssen mitspielen. Die instrumentalisiert er. Die sind Werkzeuge seines grausamen Spiels. Weihnachten ist vorbei. Die Realität hat uns wieder.

Dann aber geschieht etwas Besonderes. Weihnachten ist vorbei, so scheint es, aber der Stern leuchtet immer noch. Er zieht vor den drei Weisen her, bis er über dem Ort steht, wo das Kindlein ist – so die Bibel. Und sie gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Weihnachten ist vorbei, aber der Stern geht mit.

Aber die Geschichte ist immer noch nicht zu Ende. Denn Gott befahl den dreien im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren. Weihnachten ist vorbei, aber Gott redet immer noch.

Aber dann geht’s erst richtig los. Dann ist Weihnachten richtig vorbei. Und kaum einer zählt das, was dann passiert, noch zur Weihnachtsgeschichte. Denn Herodes tobt vor Wut. Er ist gelinkt worden. Die drei klugen, fremden Männer sind nicht zu ihm zurückgekehrt, wie er es ihnen befohlen hatte. Das kann er gar nicht leiden, wenn jemand seine Befehle missachtet. Am liebsten hätte er ja die drei auf der Stelle einbunkern lassen. Aber sie sind weg. Einfach weg. Außerhalb seines Machtbereiches. Was nun? Wenn er nicht handelt, dann könnte jener neugeborene König heranwachsen und ihn vom Thron stoßen. Und das geht ja nun mal gar nicht. Das muss verhindert werden. Aber wie? Dem Herodes bleibt keine andere Wahl. Er muss hart durchgreifen. Er schickt seine Soldaten los, um die Städte und Dörfer zu durchkämmen. Und überall, wo sie auf einen neugeborenen Jungen stoßen, sollen sie ihn töten. Sicher ist sicher.

Weihnachten ist vorbei. Ein Tyrann zeigt eine Zähne. Jetzt beginnt ein Blutvergießen. Eltern weinen um ihre Kinder. Grenzenloses Leid durchzieht das Land. Und selbst Jesus, der Sohn Gottes, ist bedroht. Weihnachten ist vorbei. In der Bibel heißt es dazu:

 

Nachdem die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum der Engel des Herrn und sagte: »Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten! Bleib dort, bis ich dir sage, dass du wieder zurückkommen kannst. Herodes wird nämlich das Kind suchen, weil er es umbringen will.«

Da stand Josef auf, mitten in der Nacht, nahm das Kind und seine Mutter und floh mit ihnen nach Ägypten. Dort lebten sie bis zum Tod von Herodes. So sollte in Erfüllung gehen, was der Herr durch den Propheten angekündigt hatte: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Eben noch Engelsgesang, jetzt Angst und Schrecken. Eben noch helles Licht, jetzt persönliche Dunkelheiten. Eben noch Frieden auf Erden, und jetzt Terror und Gewaltherrschaft. Eben noch Ruhe und Anbetung und jetzt Flucht. Weihnachten ist vorbei. Meinen wir. Meint aber nicht die Bibel. Weihnachten ist Glanz, ist Ruhe, ist Besinnung, ist Frieden, ist Kerzenschein, meinen wir. Aber Weihnachten ist nach der Bibel eigentlich etwas ganz anderes. Weihnachten sagt, Gott ist da, mitten in dem Alltag der Menschen. In seinem Sohn Jesus Christus teilt er ihre Sorgen, ihre Ängste, ihre Nöte. Das ist Weihnachten. Nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Nicht „Süßer die Glocken nie klingen“. Das ist Menschenwerk. Menschliches Weihnachten. Weihnachten ist der Stern, der mitzieht mitten in den Erfahrungen von Leid und Gewalt, von Flucht und Angst. Nein, Weihnachten ist nicht vorbei. Weihnachten geht erst richtig los. Die Geburt Jesu ist der Startschuss für die Weihnachtszeit, auch vom Kirchenjahr her, nicht der finale Höhepunkt. Der Stern von Bethlehem geht mit. Der Engel, der Maria die Geburt ihres Sohnes ankündigt, ist auch da, als sie fliehen. Und er b bleibt mit ihnen in Ägypten, im Versteck, im Exil, im Ort ihrer Ungewissheit und Angst. Nein, Weihnachten ist nicht vorbei. Weihnachten begleitet uns durch unsere finsteren Täler hindurch.

Ach, Weihnachten war so schön, sagte eine Frau zu mir, aber jetzt muss ich wieder meine Mutter pflegen.

Ach, die freien Tage habe ich genossen, aber jetzt ruft wieder die Arbeit.

Die Ferien waren cool, sagte ein Konfirmand, aber bald beginnt wieder die blöde Schule.

Und für manche ist es selbst an Weihnachten nicht weihnachtlich geworden. Ein lieber Mensch ist gestorben. Jetzt sind sie traurig, verletzt, verunsichert. Wie soll es weitergehen?

Der Frau, die jetzt wieder ihre Mutter pflegen muss, möchte ich sagen: Weihnachten ist nicht vorbei. Der Glanz der Weihnachtsnacht scheint immer noch über dem Pflegebett deiner Mutter. Denn für die, die Leid tragen, ist Gott in besonderer Weise Mensch geworden.

Und dem Mann, der stöhnend seiner Arbeit entgegensieht, möchte ich sagen: Nein, Weihnachten ist nicht vorbei. Die Engel Gottes begleiten dich auch in den Stress hinein, in die Belastung, in die Überforderung, in die ewig gleichen Abläufe.

Und dem Konfirmand möchte ich sagen: Nein, Weihnachten ist nicht vorbei. Wenn am Montag oder Dienstag die Schule wieder beginnt, dann steht Jesus Christus schon längst neben deiner Schulbank. Er kennt deine Erfolge ganz genau, aber auch deine Niederlagen. Er leidet mit, wenn du mal wieder ausgegrenzt wirst und lässt dich nicht allein, wenn die nächsten schlechten Arbeiten zurückgegeben werden.

Und zu denen, die um einen lieben Menschen trauern und zu denen, für die es erst gar nicht Weihnachten geworden ist, möchte ich sagen: Weihnachten ist nicht vorbei. Gottes Engel begleiten euch auf eurem finsteren Weg. Ihr seid nicht allein. Gott ist bei euch, an eurer Seite. Heute wird es für euch Weihnachten. Heute hört auch ihr die frohe Botschaft: Euch ist heute der Heiland geboren. Gott hält sich nicht an unseren Kalender. Für ihn ist nicht der 24. oder der 25.12. Weihnachten. Für ihn ist Weihnachten, wenn er das Gefühl ist, dass Weihnachten beginnen sollte. Wenn er einen Menschen sieht in Angst und Not, auf der Flucht, am Krankenbett, am Fließband, in der Schule, dann beschließt er: heute soll Weihnachten sein. Heute werde ich Mensch in meinem Sohn Jesus Christus. Heute gehe ich die Lebenswege meiner geliebten Menschen mit. Heute werde ich für sie geboren, und heute sterbe ich für sie am Kreuz von Golgatha.

Nein, Weihnachten ist nicht vorbei. Es kann heute, aber auch an allen anderen Tagen in meinem Leben, Weihnachten werden. Denn Gott kommt auf die Erde und lässt mich nicht allein. Amen.


VON: HARTMUT GÖRLER (MATTHÄUS 2,1FF)





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Stand:  18.04.2010 21:58