Predigtarchiv

Weihnachtsbild als Triptychon
vom 17.12.12, 17:52    Rubrik: Predigten

Sie halten ein kleines Faltbild in der Hand. Fritz von Uhde hat es in den Jahren 1888 und 1889 gemalt. Es trägt den Namen „Die heilige Nacht“. Auf seiner Mitteltafel zeigt das Gemälde die Geburt Jesu Christi. Wir sehen Maria, die Uhde in einen zeitgenössischen Stall oder in ein verfallenes Bauernhaus versetzt. Maria sitzt auf einem mit mehren Laken und Tüchern ausstaffierten Bett. Ihre Hände sind zum Gebet gefaltet. Sie betrachtet in stiller Anbetung das schlafende Kind. An der Seitenwand hängt die einzige Lichtquelle des Raumes, eine große Laterne, deren warmer Schein vor allem auf Marias Gesicht fällt. Den gesamten Raum vermag das Licht aber nicht zu erhellen, so dass man Josef fast übersieht, der im Hintergrund und im Halbdunkel auf der Treppe sitzt.

Auf dem linken Flügel sehen wir die Hirten, die zum Stall gekommen sind, um das Kind anzubeten. Zwei von ihnen hat der Künstler in voller Gänze gemalt. Andere hat er nur angedeutet. Über den Köpfen der Hirten ist das wilde Gestrüpp kahler Bäume zu sehen.

Der eine Hirte stützt sich auf seinen Stock. Der andere hat seine Hände gefaltet. Beide blicken sie – bewegt von dem Wunder der Geburt des Heilandes – auf das Kind.

Auf der rechten Bildtafel sehen wir zahlreiche Engel im Gebälk des Stalls auf drei Ebenen sitzen. Sie singen das große Gloria. Es hat den Eindruck, als würden von hinten links immer mehr Engel dazu kommen. Manche der Engel singen selbstvergessen, einige blicken vertieft auf ihr Notenblatt.

Und trotzdem, das gewählte Motiv – Maria und das Kind, die Hirten und die Engel – ist nicht das Besondere jenes Bildes, vielmehr die Form, mit der Uhde seine Kunst zur Darstellung bringt. Er gestaltet einen sogenannten Triptychon, ein dreiteiliges Bild, das an einen Flügelaltar erinnert. Und das ist auch deswegen so bemerkenswert, weil Ende des 19. Jahrhunderts die Zeit der dreiteiligen Altäre schon längst vorbei war. Flügelaltäre gab es in der Gotik und im Barock, hatten aber eigentlich zur Jahrhundertwende nichts mehr verloren. Und trotzdem, trotzdem hat der Künstler ganz bewusst diese Form gewählt und keine andere. Indem er die Form eines Altarbildes nimmt, erinnert er an ein gottesdienstliches Geschehen, an einen sakralen Raum, an eine Verbindung des Überirdischen mit dem Irdischen. Er drückt aus: Weihnachten ist mehr als die Abfolge von menschlichen Bildern und Geschichten. Weihnachten ist mehr als nur ein historischer Moment. Weihnachten ist ein Geschehen zwischen Himmel und Erde. Bei der Geburt Jesu berühren sich die diesseitige und die jenseitige Welt, der menschliche Alltag und die göttliche Herrlichkeit.

Das scheint das wahrlich Interessante jenes Gemäldes von Fritz von Uhde zu sein. Er macht uns auf raffinierte Weise noch einmal deutlich, das Weihnachten immer mehr ist. Mehr als wir sehen. Mehr als wir uns einander erzählen. Mehr als wir hören. Mehr als wir denken und sogar mehr als wir glauben. Weihnachten ist mehr. Da berühren sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns, da berühren sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns.

Natürlich, sagt Uhde, gab es damals in der Heiligen Nacht auch einiges zu sehen. Wenn es damals schon eine Kamera gegeben hätte, dann hätten wir die junge Mutter und das Kind fotografieren können. Wir hätten die Sorgenfalten von Josef festhalten können. Wir hätten ein Bild von den Hirten können, von den Weisen. Vielleicht hätte unsere Linse auch ein besonderes Licht einfangen können. Aber Weihnachten ist mehr.

Und wenn es damals schon ein Tonband gegeben hätte, dann hätten wir die Schreie der Maria aufzeichnen können bei den Wehen. Wir hätten den ersten Schrei von Jesus aufnehmen können, vielleicht auch ein Stoßgebet von Josef. Wir hätten die Stimmen der Hirten einfangen können und das Blöken und Grunzen der Tiere im Stall. Aber auch das wäre noch nicht Weihnachten gewesen.

Und wenn wir alle technischen Möglichkeiten von heute damals schon gehabt hätten, dann hätten wir ganz viele Daten sammeln können zur Heiligen Nacht, und trotzdem wäre das noch Weihnachten gewesen. Weihnachten ist mehr. Und genau das drückt Uhde aus, indem er sein Weihnachtsbild als Altar gestaltet. Da ist immer noch mehr. Was an Weihnachten geschieht, übersteigt unsere menschlichen Möglichkeiten. Weihnachten ist größer als unsere Gehirnleistung. Weihnachten ist ein Wunder jenseits aller technischen Geräte.

Und wie es mit Kunst eben so auf sich hat, sie will provozieren, uns zum Nachdenken bringen. So auch Uhde. Er fragt uns nach unseren Weihnachtsbildern. Nach dem, was für uns zu Weihnachten gehört.

Wir verlassen gleich diese Kirche, kehren zurück zu unseren Häusern. Verbringen gemütliche Stunden in unseren festlich gestalteten Wohnzimmern. Und vielleicht schauen wir heute Abend zurück und sagen: Das waren scheinen Weihnachten. Aber dann klopft Uhde bei uns an und sagt: Vergiss nicht! Weihnachten ist mehr als nur Gottesdienst, lecker Essen und Geschenke.

Vielleicht legen wir uns eine schöne CD ein, lesen ein gutes Buch, genießen die Atmosphäre. Und wieder sagt Uhde: Weihnachten ist mehr.

All das sind Bilder, die lassen sich darstellen. All das sind wunderschöne Äußerlichkeiten, Eigenschaften unserer menschlichen Welt.

Aber Weihnachten ist noch viel mehr. Der Evangelist Johannes, der wusste, dass man das eigentliche weihnachtliche Geschehen nicht in Worte fassen kann. Er ringt nach Formulierungen und weiß zugleich, dass sie nicht ausreichen. Johannes beschreibt Weihnachten so:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Wie bei Uhde die Form die Bilder sprengt, sprengen hier die Worte des Johannes ihren eigenen Inhalt. Er versucht, etwas zu beschreiben, das er nicht beschreiben kann.

Da geschieht etwas, das kann kein Maler auf die Leinwand und kein Schriftsteller auf´s Papier bringen, das kann kein Pfarrer in einer Predigt in angemessener Weise zusammenfassen und kein Mensch jemals gänzlich verstehen.

Denn zu Weihnachten geschieht ein Wunder. Der große Schöpfer-Gott, der von Anfang an war, steht auf von seinem Thron. Gott verlässt seinen Himmel und kommt auf die Erde. Er setzt seinen unser Leben. Er, der allmächtige Gott, legt seine Hand auf meine Schulter und sagt zu mir: Friede, Friede sei mit dir! Fürchte dich nicht; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. An Weihnachten berühren sich in wunderbarer Weise Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns.

Weihnachten ist mehr. Viel mehr. Immer noch mehr. Angedeutet hat das der Künstler Uhde, indem er mitten in sein Bild hinein ein geheimnisvolles Licht malt. Nicht das Licht der Laterne, und auch nicht der hereinfallende Mondschein. Da ist ein Licht, nicht von dieser Welt, Strahlen der Ewigkeit, die kaum zu fassen sind.

Übrigens, klappen Sie doch mal das Bild zu. Auch das ist noch eine versteckte Botschaft jenes Künstlers. Selbst wenn wir es zuklappen, bleibt es ein Spalt breit offen. Selbst wenn wir schon bald Weihnachten abhaken und wie ein Buch zuschlagen, wenn wir meinen, Weihnachten sei vorbei und alles kommt wieder in die Kiste. Ein Spalt bleibt zurück.

Und so bleibt der Glanz der Weihnachtsbotschaft auch über Weihnachten hinaus, im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter. An 365 Tagen im Jahr, an allen Tagen unseres Lebens. In diesem frohe Weihnachten und ein weihnachtliches Jahr 2013. Amen.



VON: HARTMUT GÖRLER (JOHANNES 1,14)





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Stand:  18.04.2010 21:58