Predigtarchiv

Gott kommt, mitten in unsere Wüstenerfahrungen hinein
vom 15.12.12, 16:23    Rubrik: Predigten

In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg,

macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott!


Als ich diese Worte in dieser Woche las, hatte ich so etwas wie ein „déjà-vu“. Auf einmal war längst vergangene Erinnerungen wieder da. Auf einmal wurde es lebendig, das schon 20 Jahre zurückliegt.

Es war irgendwann zwischen August 1992 und Juli 1993. Ich weiß es nicht mehr genau. In dieser Zeit waren meine Frau und ich in Botswana. Genauer gesagt in Ramatea, einem Schul- und Ausbildungszentrum der Lutherischen Kirche in Botswana. Einige Gebäude waren an die Polizei vermietet. Dort wurden Nachwuchskräfte ausgebildet. Eine interessante Kooperation. Kanye, so hieß der eigentliche Ort, lag zwischen Gabarone und Jwaneng, fernab der großen Straßen am Rande der Kalahari-Wüste. Von Kanye aus gab es einen Weg etwa 3 Kilometer lang, über den eine Hügelkette hinauf und wieder hinunter zu diesem kirchlichen Zentrum. Der Weg war aber nur unter schwierigsten Bedingungen befahrbar. Er war steinig. Dicke Brocken lagen herum, und immer wieder musste man Angst haben, man würde sich an den Steinen das Auto aufreißen. Fürchterlich dieser Weg. Eine Zumutung. Eine Katastrophe. Aber immerhin ein Weg, den wir, um mal etwas einzukaufen oder um mal eine Postkarte loszuwerden, regelmäßig zu Fuß gingen. Doch dann wurde bekannt, dass irgendein Minister Ramatea besuchen wollte. Oder war es sogar der Präsident? Ich weiß es nicht mehr. Auf einmal wurden alle ganz emsig. Jeder einzelne Stein von diesem besagten Weg wurde zur Seite gelegt. Die dicken Brocken wurden als Randsteine gesetzt und weiß gekälkt. Der Minister oder Präsident sollte auf alle Fälle auf einer bequemen und ebenen Straße nach Ramatea kommen. So wurde es von oberster Stelle erwartet. Tagelang wurde geschuftet. Jeder erdenkliche Arbeiter wurde herbeigeholt. Und am Ende konnte der Ehrengast ohne Ruckeln und ohne Stöße zum Poilzeiausbildungszentrum gelangen.



In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg,

macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott!


Ist das gemeint mit jenem Wort des Propheten Jesaja?

Sollen wir ihm in diesem Sinne den Weg ebnen und alles vorbereiten.

Nein, ich glaube eher nicht.


Damals 1992/1993 in Botswana, damals mussten die Arbeiter eine Scheinwelt errichten. So mussten die besagte Straße so herrichten, dass der Ehrengast bequem und ohne Hindernisse nach Ramatea kommen konnte. Und jener Minister, der bekam ein ganz falsches Bild von dem Hinterland. Die Straßen sind doch in Ordnung, konnte er in der Hauptstadt. Alles ist bestens in Schuss. Alles ist sauber. Ich habe keine Probleme erkennen können. Mit sich und der Welt zufrieden ist jener Minister wieder nach Gabarone gefahren und glaubte, die wirkliche Welt gesehen zu haben. Dabei war die Region. Das Wüstenklima verhinderte jede erfolgreiche Landwirtschaft. Die meisten Wasserstellen waren zu dem Zeitpunkt ausgetrocknet. Das Vieh lief frei herum, um irgendetwas Essbares zu finden.


In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg,

macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott!


Nein, diese Scheinwelt meint der Prophet Jesaja nicht. Ganz im Gegenteil. Der Prophet ruft dazu auf, dem kommenden Gott jedes Elend und jede Not ungeschminkt zu zeigen. Weg mit der schönen Fassade! Weg mit den Scheinwelt! Weg mit überflüssigen Dekorationen! Gott kommt, und er kommt, um das Leid der Menschen zu teilen und ihre Dunkelheiten zu erleben.


Tröstet, tröstet, mein Volk! Offensichtlich sind die Menschen traurig, verletzt, enttäuscht, depremiert, am Boden zerstört.



Predigt Jerusalem, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat! Offensichtlich

erleben die Menschen in Jerusalem eine unterdrückerische Politik. Ihre Stadt ist besetzt. Fremde Machthaber bestimmen das alltägliche Leben.


Predigt ihr, dass ihre Schuld vergeben ist! Offensichtlich haben die Menschen Schuld auf sich geladen. Sie haben fremde Götter angebet und den Gott Jahwe vernachlässigt


Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt! Offensichtlich erleben die Menschen von damals Leid und Vergehen, Niederlagen und Tod.


Und mitten in diese krisenhaften Erfahrungen hinein, mitten in das menschliche Leid hinein ruft der Prophet Jesaja aus:


Tochter Zion, freue dich! Jauchze laut, Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Ja, er kommt, der Friedefürst!


In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg,

macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott!


In die Wüste hinein geht Gott, in die unfruchtbare Steppe.

Unsere ganz persönlichen Wüsten besucht Gott, unsere ganz persönlichen Steppen werden zu einem Ort seiner Gegenwart.


Wunderbar. Ich finde das wunderbar. Wir müssen Gott nicht die Steine aus dem Weg räumen. Wir müssen auch nicht aus diesen bedrohlichen Brocken auf unseren Wegen weiß gekälkte Grenzsteine machen. Wir müssen ihm nicht vorgaukeln, keine heile Welt malen. Wir dürfen und sollen und können ihm ungeschminkt auch die hässlichen Seiten unseres Lebens zeigen.

Und dieser Gott, er zeigt dann nicht mit einem Zeigefinger auf die Flecken unserer ehemals weißen Weste. Er hebt nicht drohend die Hand, um uns mal wieder deutlich zu machen, dass wir versagt haben. Er kommt als Friedefürst, als Heiland, als vergebende Liebe, als gerechter König. Er kommt, um uns in unserem Elend zu besuchen, uns die Hand zu reichen und uns auf die Beine zu helfen.


Wüsten. Steppen.

Wir brauchen nicht viel Fantasie, um aus diesen symbolhaften Begriffen konkrete Lebenserfahrungen werden zu lassen. Ich habe in dieser Woche für zwei Menschen eine Trauerfeier gestaltet, für Herrn Gersdorf und für Herrn Althoff. Die Angehörigen erleben in diesen Tagen Wüstenmomente und Steppenerfahrungen.


Eine Konfirmandin erzählte mir, dass sich in diesen Tagen ihre Eltern scheiden lassen, und sie hatte Tränen in den Augen. Wüstenerfahrungen.


Ein junger Vater schafft es nicht, eine intensive Beziehung zu seinem Neugeborenen aufzubauen, ganz zum Leidwesen der Mutter. Wüstenerfahrungen.


In Ägypten kämpfen und ringen die Menschen um Demokratie. Wüstenerfahrungen.


In Nordkorea wird eine Rakete gezündet, die Angst und Schrecken verbreitet. Wüstenerfahrungen.


Und in Bonn wird rechtzeitig ein Bombenkoffer gefunden, der, wenn er explodiert wäre, einen riesigen Feuerball mit entsprechenden Folgen ausgelöst hätte. Wüstenerfahrungen.


Diese Wüstenerfahrungen und all die anderen dürfen und können wir Gott vor die Füße legen. Wir können und dürfen und sollen sie ihm anvertrauen. Dadurch bereiten wir ihm in unserer Wüste den Weg, und dadurch machen ihm in der Steppe eine ebene Bahn. Nicht indem wir ihm was vormachen, nicht indem wir uns selber etwas vormachen. Wir bereiten ihm den Weg, indem wir ihm ehrlich von unseren Schwierigkeiten, Ängsten und Sorgen erzählen. Genau dorthin will und wird Gott seinen Fuß setzen. Genau dorthin wird er seine Hand ausstrecken. Genau dorthin wird er seinen Frieden pflanzen.


Auch das ist Advent. Adventliche Botschaft. Gott kommt. Mit seinem Licht. In unsere Dunkelheit. Von daher freut euch und singt ihm ein laut ein Lied. Ja, er kommt. Hosianna. Amen.


VON: HARTMUT GÖRLER (JESAJA 40,4)





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Stand:  18.04.2010 21:58