Predigtarchiv

Mein Christsein und die Armut in der Welt
vom 18.10.12, 22:05    Rubrik: Predigten

Tansania im Sommer 2012. Mein Freund Pascal Matungwa, Pfarrer einer lutherischen Gemeinde in Bukuba, erzählt mir, dass er zur Zeit 90.000 T Sh, also 47 Euro im Monat verdient. Gleichzeitig muss er 240.000 T Sh, also 230 Euro im Quartal an Schulgeld für eines seiner vier Kinder bezahlen. Wenige Tage später bin ich in Dar Es Salaam. Mein Gastgeber zeigt mir ein Gästehaus für 28 Personen, das er gerade für seine Tochter baut. Tausende von Euro werden hier verbaut.


Ukraine im Herbst im 2012. Eine neuköpfige Delegation taucht ein in die Lebenswirklichkeit der Menschen in Schtors. 150 Euro erhält ein Rentner an Pension und das bei Lebenshaltungskosten, die nicht viel niedriger sind als in Westeuropa. Die Menschen werden gezwungen, sich etwas dazuzuverdienen.


Fröndenberg am vergangenen Donnerstag. Ein Mann kommt zur Tafel Unna ins Gemeindehaus Stift. Wie aus dem nichts schimpft er über unsere Regierung. Er beklagt, dass Millionen und Millarden in den Euro-Rettungsschirm gepumpt werden und gleichzeitig seine Hartz-IV-Einnahmen nur um ein paar Euro steigen.


Armut. Armut gehört zu unserer Welt dazu. Die Weltbank macht Armut an einem täglichen Einkommen von 1 US 25 fest. Legt man also 1 Euro als Tageseinkommen fest, gibt es 1,5 Millarden arme Menschen weltweit.


Aber auch in Deutschland gibt es Armut. Direkt vor unserer Haustür.


Jeder Vierte hierzulande ist nach dem Armuts- und Reichtumsbericht mittlerweile von Armut betroffen oder muss mit staatlicher Hilfe vor Armut bewahrt werden. 13 Prozent der Bundesbürger gelten als arm. Weitere 13 Prozent würden durch Leistungen wie Kinder- oder Arbeitslosengeld vor dem Abrutschen in die Armut bewahrt. Derjenige ist arm, der als Alleinverdiener weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient, also weniger als 781 Euro netto monatlich.

Armut. Armut gehört zu unserer Welt dazu, damals wie heute. Achim Heckel ist im Rahmen der Vorbereitung auf diesen Sonntag auf einen Bibeltext im Buch Nehemia gestoßen. Dort heißt es.



Nehemia 5,1-13



Armut. Ich stelle mir vor, wie dieser Nehemia betroffen war, als er von der Armut dieser Menschen hörte, von ihrer Verzweiflung, von ihrer Not, von ihrer Hoffnungslosigkeit. Wie sie sich wertlos fühlten, wie Dreck.

Gleichzeitig wusste er: das sind doch meine Brüder und Schwestern. Die stehen mit mir doch auf derselben Stufe. Wir sind doch eigentlich gleich, und sind es doch nicht.

Und als er all das hörte, wurde er sehr zornig, so heißt es in der Bibel.

Und er zog sich zurück, hielt Rat mit sich selbst. Er dachte über das Gehörte nach, wog die Argumente ab, suchte nach seinem eigenen Standpunkt.

Und als er für sich selber Klarheit gewonnen hatte, schalt er die Vornehmen und die Ratsherren. Er protestierte gegen die Armut. Er kritisierte die Mächtigen und ihre Politik. Er mobilisierte die Massen und startete eine Bewegung. Er wird zum Oppositionsführer und hält große Reden.

Es ist nicht gut, was ihr tut. Solltet ihr nicht in der Furcht Gottes wandeln?

Und dann ruft er zum Schuldenerlass auf, und die Mächtigen sind so betroffen, dass sie seinem Vorschlag folgen und die gepfändeten Äcker und Häuser und Töchter wieder zurückgeben.

Und dann setzt Nehemia noch einen oben drauf.

Vers 13

Eine erschreckende, eine korrigierende, eine mutmachende Geschichte. Da ist ein Mensch erschrocken angesichts der Armut, die ihm berichtet wird. Und dieser Mensch macht sich seine Gedanken. Er spuckt in die Hände. Er steht gegen die Mächtigen auf, und das alles im tiefen Glauben an den Gott, der die Menschen als Brüder und Schwestern geschaffen hat.

Ich selber bin an der Stelle hängengeblieben, wo Nehemia den Umgang mit der Armut mit dem Glauben an Gott in Beziehung setzt. Inmitten seiner Rede zu arm und reich erinnert er an Gott:

Solltet ihr nicht in der Furcht Gottes wandeln?

Es ist keine Frage: wir haben Armut in der Welt. Wir haben Armut in Europa. Wir haben Armut in Deutschland. Wir haben Armut in Fröndenberg, und vermutlich sogar Armut in unserem eigenen Umfeld, in der Nachbarschaft, in der Familie, in der Kirchengemeinde, und die Frage, ob wir und wie wir mit Armut umgehen, ist eine Frage nach Gott. Wenn wir an Gott glauben, uns zu ihm bekennen, ihm versuchen nachzufolgen, versuchen nach seinem Willen zu leben, dann können wir die Frage nach der Armut nicht ausblenden. Dann können und dürfen wir nicht mit den Schultern zucken und meinen, wir hätten damit nichts zu tun.

Das, was ihr einem meiner geringsten Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan, sagt Jesus Christus, Gottes Sohn.

Im Gesicht der armen Menschen in unserer Stadt sehen wir das Gesicht Jesu, und wenn die Armen unsere Wege kreuzen, dann kreuzt Gott unsere Wege, höchstpersönlich.

Der Glaube an Gott ist nicht nur ein Gefühl der persönlichen Geborgenheit. Der Glaube an Gott ist nicht tiefes Vertrauen, dass dort jemand mit mir meine Wege geht. Der Glaube an Gott ist nicht nur das Wissen darum, geliebt zu werden, sondern auch der klare und unumstößliche Auftrag, selber zu lieben. Der Glaube an Gott ist kein Sonntagsglaube, schön versteckt hinter den wunderschönen Fenstern einer Kirche. Der Glaube an Gott ist vor allem Alltagsglaube. Als von Gott geliebte Menschen sind wir beauftragt, hineinzugehen in die Welt und diese Liebe zu verschenken. Wir sind gesandt, Verantwortung zu übernehmen und Armut im Namen Jesu zu bekämpfen.

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor unserm Gott.

Nehemia hat es uns vorgemacht. Er ist für ein Mahner. Er legt seinen Finger in unsere Wunden. Sich mit ihm auseinanderzusetzen, ist unangenehm, peinlich, entlarvend. Denn ich behaupte, dass viel zu viele von uns, und ich schließe mich da mit ein, viel zu bequem sind angesichts der Armut in unserer Welt. Wir kriegen unseren Hintern nicht hoch, weil es uns ja gut geht. Aber damit machen wir unseren Glauben zu einer harmlosen Sache. Wir sind inkonsequent, beschränken Gott auf einen kleinen Bereich unseres Lebens. Dabei ist verantwortliches Handeln doch gerade eine Ausdrucksweise unseres Glaubens. Mit unserem Einsatz für Gerechtigkeit bekennen wir Gott als den liebenden Vater aller Menschen. In der konkreten Hilfe armen Menschen gegenüber teilen wir die Liebe Gottes aus.

Ich weiß nicht, ob es uns gelingen wird, die Armut so zu bekämpfen, wie es Nehemia getan hat. Ich weiß nicht, ob unser Ruf nach Entschuldung solche Wellen schlagen würde. Eher nicht. Aber darum geht es auch nicht. Und trotzdem können wir von Nehemia eine ganze Menge lernen.

Nehemia hört zu und lässt sich die Geschichten der armen Menschen erzählen. Wo hören wir solche Geschichten? Wo haben sie in unserer Kirchengemeinde ihren Platz?

Nehemia wird zornig angesichts der Ungerechtigkeit, die ihm erzählt wird. Werden wir denn auch noch zornig? Werden wir in positiver Weise ärgerlich über die Misstände in unserem Land, ohne zerstörerisch auf den Tisch zu hauen?

Nehemia lässt diese Geschichten und Erfahrungen an sich heran und denkt darüber nach. Er findet ganz bewusst seinen eigenen Standpunkt. Sind wir bereit zu klären, wofür wir stehen oder überlassen wir das Denken anderen?

Nehemia erhebt kritisch seine Stimme. Trauen wir uns das zu, Stellung zu beziehen, die Wahrheit auszusprechen, Unrecht beim Namen zu nennen? Wo ist unsere Kirchengemeinde ein Stachel in der Gesellschaft? Wo zeigt unsere Kirche Missstände auf? Oder ist und bleibt sie die brave Einrichtung von nebenan, die keinen ärgern will und nicht in die Welt passt?

Nehemia schlägt gedanklich die Brücke zum Glauben an Gott. Der Umgang mit der Armut hat was mit der Liebe Gottes zu den Menschen zu tun. Wie sieht unser Glaube aus? Ist er ein Sonntagsglaube, der mit dem normalen Leben nichts zu tun hat, der so seine Sonntagsniesche gefunde hat und keine Auswirkungen zeigt auf unser soziales Leben? Ist unser Glaube harmlos uns lauwarm, halbherzig und feige, oder ist uns klar, dass wir Gott und die Menschen lieben soll, dass unser ganzes Leben von Gott durchdrungen werden will, auch die Frage nach arm und reich?

Nehemia schaut uns in die Augen. Er spricht uns an. Er stubst uns in die Seite und fragt uns: Wo stehst du? Wie sieht dein Glaube aus? Wie verhälst du dich zur Armut in deinem Land? Solltest du nicht in der Furcht Gottes wandeln?

Diese Fragen muss jeder für sich selber klären. 


VON: NEHEMIA 5,1-13 (HARTMUT GÖRLER)





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Stand:  18.04.2010 21:58