Predigtarchiv

Kramen in der Kiste der Erinnerungen
vom 21.09.12, 16:23    Rubrik: Predigten

TEXT

25 Jahre ist es her,

dass dein Segen mich erreichte.

Was ist nicht alles

in dieser Zeit

passiert?

Ich habe die Schule beendet,

habe meinen Beruf gefunden,

habe so manche Partnerschaft gewagt,

habe Erfolg gehabt

und Niederlagen erlebt.

25 Jahre ist es her,

dass dein Segen mich erreichte.

Ich habe tolle Reisen erlebt

und die Schönheiten der Welt gesehen.

Ich habe Neues gewagt

und bin so manches Mal auf den Bauch gefallen.

25 Jahre ist es nun,

dass dein Segen mich erreichte.

Aber was auch immer passiert ist,

in diesen 25 Jahren,

wo auch immer ich heute stehe,

dein Segen wirkt,

und er zieht immer noch

endlos seine Kreise.

25 Jahre

unter deinem Segen,

Gott.

 

GEBET

Guter Gott,

25 Jahre ist es her, dass einige von uns konfirmiert wurden. Für andere sind es 5 Jahre oder 50. In diesen Jahren ist viel passiert. In diesen Jahren haben oft uns Leben ohne dich gelebt. Wir sind einfach losgegangen, ohne dich zu fragen, haben unsere eigenen Entscheidungen getroffen. Nicht immer nur gute Entscheidungen, manchmal auch schlechte. Aber du, du bleibst treu. Du hälst zu uns. Du lässt uns unsere eigenen Wege gehen und die Welt entdecken und wartest doch geduldig, dass wir wieder an dich denken. Das ist gut zu wissen, dass du immer noch für uns da bist und dich nicht enttäuscht von uns abwendest. Dennoch tut es uns, wenn wir dich im Stich gelassen. Herr, vergib uns unsere Schuld und erbarme dich über uns.

 

GNADENZUSPRUCH

Gott hat einen langen Atem.

Er währt länger als 25 Jahre, länger als 50.

Er wartet auf uns, und wenn wir zu ihm kommen, dann sagt: Herzlich willkommen. Ich freu mich, dass du mich nicht vergessen hast. Ich vergebe dir und nehme ich in meine Arme.

Das ist so großartig, dass wir Gott dafür loben sollen und staunen dürfen angesichts seiner Güte.



ANSPRACHE:

Neulich auf dem Dachboden. Ich bin auf der Suche nach der Iso-Matte, die wir mal vor Monaten nach oben gebracht haben. Beim Suchen stoße ich auf einen Karton. Er ist gefüllt mit Sachen, die ich mir schon ewig nicht mehr angeschaut habe. Gegenstände, die zur Vergangenheit gehören, Dinge, die ich mal zur Seite geschoben habe, weil ich sie im Moment nicht brauche, von denen ich mich aber nicht trennen wollte, weil sie mir irgendwie lieb und teuer sind. Ich habe mal diesen Karton mitgebracht und will ihn gerne mal ausräumen.

Was ich hier nicht alles finde?

Oh, meine Fußballschuhe. Ja, damals war ich noch sportlich.

Meine Schulzeugnisse. Die zeige ich meinen Kindern lieber nicht.

Meine ersten Liebesbriefe. An den Namen kann ich mich gar nicht mehr dran erinnern.

Mein Bayern-Trikot. Ja, ja, alte Leidenschaften.

Schulbücher. Total veraltet. Mittlerweile hat ganz Europa ein anderes Gesicht.

Und meine Konfirmationsurkunde. Dein Wort sei meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. Hat sich irgendwie bewahrheitet.

Aber so ist selbst meine Konfirmation in der Kiste der Erinnerungen gelandet.

So ist das manchmal im Leben. Nach der Konfirmation kommt vielleicht noch eine gewisse Zeit in der kirchlichen Jugendarbeit. Jugendkreis oder Sommerfreizeit. Eine nette Zeit mit dem Jugendreferenten. Nach der Schule kommt die Ausbildung, die Zeit wird knapp. Dann die erste Stelle. Mit voller Kraft hinein in die Arbeitswelt. Oft keine Zeit für Freunde, für die Verwandten, für Gott.

Dann die ersten Probleme. Stress. Überforderung. Ich komme irgendwie nicht zur Ruhe. Der Gottesdienstbesuch passt irgendwie nicht hinein in mein Leben.

Dann Familie. Das erste Kind. Die Taufe, das war mal wieder so ein Punkt, wo Kirche wichtig wurde. Aber mit dem Kind bin ich auf einmal nicht mehr so beweglich, nicht mehr flexibel. Sonntags in den Gottesdienst zu gehen, das ist schon eine Organisationsleistung. Und dann kommt das zweite Kind. Jetzt geht’s schon gar nicht mehr. Zum Glück gibt’s Krabbelgottesdienste, Kindergartengottesdienste. Dann fangen die Kinder an, selber die Kirchengemeinde zu entdecken. Kinderbibeltage. Kinderchor. Schulgottesdienste. Auf einmal ist der Glaube wieder ein Thema. Er wird hervorgeholt aus der Kiste der Erinnerungen, vielleicht ein wenig entstaubt. Oder passt der Staub dazu? Eine Erfahrung, eine Denkweise von früher? Nicht von dieser Welt? Kein Teil meines heutigen Lebens. Wie dem auch sei. Manche holen den Glauben von damals wieder hervor. Andere packen ihn ganz schnell wieder ein.

Und heute, heute holen wir sie wieder vor, die Kiste der Erinnerungen. Nachher werdet ihr erzählen von eurem Pfarrer damals. Von den langweiligen Unterrichtsstunden oder interessanten Begegnungen, von all den Dingen, die ihr damals noch lernen musstet, während eure Kinder es heute ja so gut haben. Ihr wühlt in der Kiste der Erinnerungen und holt sie hervor, eure Konfirmation von damals.

Vielleicht fallen euch Erinnerungen ein vom Konfirmationsgottesdienst, vom anschließenden Fest. Vielleicht wisst ihr noch, was es zu essen gab und was ihr geschenkt bekommen habt. Erinnerungen von damals. Aber da war ja sonst noch was. Da war die eigentliche Konfirmation. Da war das Nachvornekommen, das Hören eines ganz persönlichen Spruches, da war der Segen Gottes, erfahrbar durch die Hände des damaligen Pfarrers.

Und dieser Segen ist keine Erinnerung, sondern eine immer noch wirksame Lebenskraft.

In der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst bin ich auf ein Bibelwort gestoßen, das genau das ausdrückt. Paulus hat es formuliert in einem Brief an die Gemeinde in Philippi.



Ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.



Gott hat in euch und mit euch angefangen sein gutes Werk, damals als ihr geboren wurdet, damals als ihr getauft wurdet, damals vor 25 Jahren, als ihr konfirmiert wurdet. Gott hat in euch angefangen das gute Werk, und er ist, nicht ihr, der diesen Anfangsfaden noch heute in seiner Hand hält und daran knüpft und arbeitet. Gott ist es, der diesen kleinen Anfang von damals nutzt, um seine Geschichte mit euch fortzusetzen.

Es mag sein, dass nach eurer Konfirmation euer Leben auch ohne Gott weiterging. Es mag sein, dass eure Konfirmation verloren gegangen ist in der Kiste eurer Erinnerungen. Aber das Schöne ist. Sie ist noch da. Wenn ihr wühlt und kramt und aufräumt, dann taucht sie auf einmal wieder auf. Dann kommen euch auf einmal wieder Geschichten in den Sinn von damals, von vor 25 Jahren. Dann wird das längst Vergangene auf einmal wieder präsent.

Und selbst wenn ihr den Eindruck habt, dass auch euer Glaube verschüttet ist unter all den Eindrücken und Herausforderungen eures Lebens, keine Sorge, ihr geht nicht verloren. Gott hält die Anfangsfäden immer noch in seiner Hand. Er ist es, der die Anfänge von damals fortschreibt und lebendig hält. Euer Glaube ist nicht weg. Er ist maximal verdeckt. Wenn ihr ein bisschen den sonstigen Kram in eurem Leben wegräumt, dann taucht er auf einmal wieder auf, und ihr dürft neue, ganz andere, erwachsene Erfahrungen machen mit Gott. Auch wenn ihr euren Glauben vielleicht nicht gepflegt hat, Gott hat das Werk, das er in euch angefangen hat, fortgesetzt, reifen lassen, und er wird es auch vollenden. Nicht ihr. Ihr könnt ihm dabei, ja. Ihr könnt Bedingungen schaffen, Räume öffnen, wo euer Glaube sich entfalten kann. Aber dass euer Glaube wächst, dass er Wurzeln schlägt, dass er euch reich macht, das ist Gottes Werk. Er hat euch damals gesegnet, dieser Gott. Er hat seine Hände auf euch gelegt. Er hat ein Stein in die Oberfläche eures Leben geworfen, und dort zieht sein Segen bis heute seine Kreise.

Denkt doch mal! Schaut doch mal genau hin! Entdeckt ihr, wo sich Gottes von damals in den letzten Jahren gezeigt und ausgewirkt hat. Nehmt euch heute Abend oder morgen mal ein paar Minuten Zeit und schreibt auf, wo ihr kleine Wellen eures Konfirmationssegens von damals entdeckt.

Gott ist immer noch am Werk. Seit 25 Jahren. Vielleicht schon seit 39 oder 40 Jahren. Euer Glaube ist kein Erinnerungsstück, sondern Lebenskraft bis heute.

Und wenn ihr diesen Tag nutzen solltet, in der Kiste der Erinnerungen zu wühlen, viel Spaß dabei. Ihr werdet vieles Interessantes wiederfinden. Amüsantes und Nachdenkliches. Tiefgehendes und Oberflächliches. Und wenn ihr dann diese Kiste heute Abend wieder auf dem Dachboden verschwinden lasst, keine Sorge. Es geht nichts verloren. Ihr geht nicht verloren. Euer Glaube geht nicht verloren. Ihr könnt ihn immer wieder hervorholen. Gott hält ihn in seiner Hand fest und vollendet sein Werk, das er einst begonnen hat. Amen.


VON: HARTMUT GÖRLER (PHILIPPER 1,6)





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Stand:  18.04.2010 21:58