Predigtarchiv

Mühsamer Anfang - verheißungsvolle Zukunft
vom 02.09.12, 16:52    Rubrik: Predigten

Schwieriger Anfang – Verheißungsvolle Zukunft 

Paulus. Paulus hat sich alles genau überlegt. Er hat sich im Vorfeld ganz viel Gedanken gemacht und sich mit seinem geistigen Auge schon alles ausgemalt. Wie er nach Europa kommt, wie er zu jenem fremden Kontinent übersetzt, wie er die Menschen dort anspricht mit dem Evangelium von Jesus, wie sie ihm begeistert zuhören, wie er eine Gemeinde gründet und eine großflächige Begeisterung auslöst. Paulus hat ja auch schon Erfahrung. Er hat schon einige Gemeinde gegründet. Er hat schon hunderte, vielleicht tausende Menschen zum Glauben an Jesus einladen können. Und dann noch seine Vision: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns“ hat er geträumt. Für ihn ist klar: das ist Gottes Ruf. Gott schickt mich. Gott stellt mich an diesen Ort. Gott will, dass ich auch hier arbeite. „Wenn man das alles zusammenrechnet“, denkt sich Paulus, „kann ja eigentlich nichts schief gehen! Das muss doch gelingen, in Philippi. Das muss doch zu einer Erfolgsgeschichte werden. Paulus ist von Vorfreude erfüllt. Er kann es kaum erwarten. Es kribbelt regelrecht in seinen Fingern. Endlich geht es los. Über Troas fährt er nach Samothrake. Am nächsten Tag nach Neapolis und von dort nach Philipi. Voller Tatendrang geht er durch die Straßen, spricht diesen an und jenen. Aber... erst mal passiert gar nichts. Die Leute zucken die Schultern, drehen ihm den Rücken zu, haben kein Interesse an diesen neuen Botschaft von Jesus. „Das kann doch nicht wahr sein“, denkt sich Paulus, „die Sache mit Jesus ist so ein großer Schatz und keiner will ihn hören!“ Aber Paulus gibt nicht auf. Er predigt an verschiedenen Orten. Er sucht das Gespräch. Er erzählt von sich und von anderen. Aber nichts passiert. Schon fängt er an zu zweifeln. „Gott, du hast mich doch hier hin gestellt. Warum bleibt mein Bemühen so erfolglos?“ Paulus und seine Leute bleiben ein paar Tage in dieser Stadt. Endlich kommt der Sabbat. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Am Sabbat treffen sich doch die Männer zum Gebet. Aber wieder wird Paulus enttäuscht. Er geht durch die Straßen, aber er findet niemanden, der betet. Er geht zu den öffentlichen Plätzen, findet aber nicht einen, der den Gott Abrahams anbetet. Nichts. Gar nichts. Kein Anknüpfungspunkt in Philippi. Er läuft hinaus, vor die Stadt. Vielleicht beten die Männer ja draußen, damit keiner sie sieht. Er geht zum Fluss, und tatsächlich, dort haben sich Menschen versammelt. Aber als er näher kommt, sitzen dort nur ein paar Frauen. Wieder fällt ihm die Kinnlade herunter. „Es müssen doch Männer sein, um einen jüdischen Gottesdienst feiern zu können. Was nützen ihm die Frauen?“ Aber er setzt sich zu ihnen. Sie kommen ins Gespräch über Gott und die Welt. Und über Jesus. Über sein Leben und Wirken, über seine Botschaft. Über seinen Tod und seine Auferstehung. Und dass er der Heiland ist, der Retter der Welt. Aber nein, wieder nichts. Eine Frau nach der anderen steht auf, geht, dreht dem Paulus den Rücken zu. Kein Interesse. Nein danke. Paulus ist ganz gefrustet, enttäuscht, verletzt. Nur eine Frau bleibt sitzen. Eine einzige Frau! Kein großer Erfolg für Paulus. Nichts, womit er prahlen kann. Eine einzige Frau. Das hat er sich anders vorgestellt. Lydia heißt sie. Eine Händlerin. Sie verkauft Farben für Stoffe. Lydia hört zu. Lydia öffnet sich. Lydia sagt: „Ich will an diesen Jesus glauben. Ich will mich taufen lassen auf seinen Namen!“- „Na ja“, denkt sich Paulus, „wenigstens etwas“. Er tauft sie und ihre Hausgemeinschaft, verabschiedet sich und will gehen. Da spricht sie ihn und sagt: „Wenn du mich voll und ganz anerkennst, dass ich nun auch zu Jesus, dem Herrn der Welt, gehöre, dann komm in mein Haus und sei mein Gast!“ Paulus zögert. Er darf doch gar nicht. Eigentlich will er auch gar nicht. Aber sollte diese Frau der Anfang der Geschichte Gottes mit den Menschen in Philippi sein? Sollte in ihrem Haus die erste christliche Gemeinde in Europa entstehen? Gott geht manchmal andere Wege als wir meinen.


Ich habe diese Geschichte für dich erzählt, lieber Nico,

und für uns alle, liebe Gemeinde.

Du bist nach Fröndenberg gekommen, hast deine Vorstellungen und Ideen, deine Konzepte und Visionen. Du bist berufserfahren, und eigentlich, eigentlich muss das doch klappen mit der Stelle, denkst du dir mit Recht. Wenn ich das so und so mache, dann fluppt das. Dann kommen die Kinder, dann kommen die Jugendlichen. Dann ist bald mein Jugendzentrum Eulenstraße voll. Vielleicht klappt das so.

Paulus hat andere Erfahrungen machen müssen. Er wurde enttäuscht. Er musste umdenken. Er musste lernen, dass Gott manchmal andere Wege geht, als er sich das so ausgemalt hat.

Du hast am vergangenen Dienstag sehr schön und ansprechend im Rahmen der Presbyteriumsandacht beschrieben. Ein Surfer muss auf die Wellen warten und kann sie selber nicht machen, und er muss die Wellen nehmen, die kommen, ob er sich das so vorgestellt hat oder nicht.

Paulus musste ganz offensichtlich anfangs eine ordentliche Portion Frust wegstecken. Es lief einfach nicht so, wie sehr er sich das erhofft hatte. Falls es dir ähnlich gehen sollte, dann weißt du jetzt: du bist in guter Gesellschaft. Gemeindeaufbau geht nicht mit dem Fingerschnips. Dass das Evangelium auf guten Boden fällt, wächst und Frucht bringt, braucht auch seine Zeit.

Aber ich will gar nicht mein Schwergewicht auf die Anfangsschwierigkeiten legen, sondern auf die Verheißung.

Bei Paulus war es eine einzige Frau, die ihm offen und interessiert zuhörte. Nur Lydia ließ sich taufen zusammen mit ihrem Haus, wie es die Bibel sagt. Und aus dieser winzigen Hausgemeinde entstand eine große Bewegung. In ganz Europa gibt es mittlerweile Christen, in vermutlich jeder Stadt, in jedem Dorf. Aus einer Frustgeschichte wurde eine Erfolgsstory ohne Gleichen. Hinter jedem mühsamen Anfang steht Gottes große und wunderbare Verheißung. Wie heißt es in jenem Lied: Gott spannt leise feine Fäden, die du leicht ergreifen kannst. Bei Paulus war es jene Lydia. Ein einzelner, kaum wahrnehmbarer Faden. Damals eher eine Enttäuschung. Und bei dir? Wie heißen Lydias? Ich wünsch dir, dasss du wirst wie der Paulus, der nicht aufgibt, sondern sich dann doch darauf einlässt, was Gott ihm vor die Füße legt. Setz die geistliche Brille auf. Mach die Augen auf und sieh die kleinen Fäden, die Gott für dich spannt. Ergreife sie, und du wirst sehen, wie in Gottes Namen mehr und mehr wächst, wie durch seine Kraft Kinder und Jugendliche in unserer Gemeinde eine Heimat finden.

Ich habe diese Geschichte, Paulus und Lydia, aber auch für alle anderen Haupt- und Ehrenamtlichen erzählt. Wie oft haben wir den Eindruck, dass aus unserem Einsatz so wenig wird, auf der Kanzel und im Eine-Welt-Laden, in der CVJM-Jungschar oder bei den Jungbläsern, bei Geburtstagsbesuchen oder im Literaturkreis. Vielleicht liegt es tatsächlich an uns, weil wir unsere eigenen Fäden spannen und nicht die ergreifen, die Gott für uns bereit hält. Vielleicht sind wir nur zu ungeduldig und meinen, dass doch die große Veränderungen hier und heute und natürlich nach unseren Vorstellungen passieren müssen. Aber auch über unserem Engagement gehen Gottes Verheißungen auf. Gott geht seinen Weg mit uns. Gott baut seine Kirche mit uns. Gott bringt sein Reich mit uns, aber leider und zum Glück oftmals anders als wir uns das vorstellen. Von daher dürfen und sollen können wir lernen, noch mal neu hinzuschauen und die Lydias zu sehen, die kleinen Anfänge, aus die Gott etwas machen kann.

Und ich habe diese Geschichte, Paulus und Lydia, für uns alle erzählt, für die zweifelnden Gläubigen und für die gläubigen Zweifler. Wenn ich zum Beispiel an die Konfirmandinnen und Konfirmanden denken, an die Jugendlichen, die in unseren Häusern ein- und ausgehen. Die haben oft das Gefühl, dass sie nur sehr wenig Glauben in ihren Händen haben. Nur ein paar Fäden. Nur ein paar Gedanken, die einleuchten. Wenig eigene Erfahrungen. Ein paar Krümmel Vertrauen, die kaum ins Gewicht fallen. Herzlichen Glückwunsch, dann habt ihr die Fäden, die Gott ganz leise und fein für euch gesponnen hat, schon in eurer Hand.

Und Gott ist es, und niemand anderes, der aus diesen Fäden etwas spinnen oder weben oder flechten kann. Die Bruchstücke in euren Händen reichen Gott, um daraus einen Baum des Glaubens wachsen zu lassen.

Mühsamer Anfang. Verheißungsvolle Zukunft. Das durfte Paulus erleben damals in Phillipi. Das darfst du möglicherweise hier in Fröndenberg erleben als Jugendiakon unserer Kirchengemeinde. Das dürfen wir alle erleben. Gott kann aus verschwindend kleinen Anfängen Großes entstehen lassen. Gottes Verheißungen, seine Zusagen, seine Versprechen gehen über uns auf wie die Sonne am Morgen über weites Land. Amen.


VON: HARTMUT GÖRLER (APOSTELG. 17,11FF)





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Stand:  18.04.2010 21:58