Predigtarchiv

Der Glaube als lebenslanges Puzzle
vom 09.09.12, 11:00    Rubrik: Predigten

Was ist das denn? Oh, ein Puzzle. Aber der Deckel ist nicht da. Ich weiß gar nicht, wie das Bild insgesamt aussehen soll. Das ist aber jetzt kompliziert. Vielleicht fang ich mal einfach mit den Ecksteinen an. Und dieses Teil? Kommt das denn nach oben? Oder vielleicht doch eher nach unten? Ach, guck mal, das passt. Aber viel geschafft habe ich noch nicht. Das kann ja Stunden, Tage dauern...

 

1000 Teile. 1000 Teile, so ist unser punkt11-Gottesdienst heute überschrieben. 1000 Teile. Also 1000 Teile hat dieses Puzzle nicht, aber immerhin 100. Oder 50? Aber darum geht es auch gar nicht.


Wir haben dieses Puzzle ausgewählt, um auszudrücken, wie es euch vielleicht heute geht.


Viele von euch sind heute zum ersten Mal hier. Ihr seid hier, weil ihr euch zum nächsten Konfi-Kurs anmelden wollt. Und das ist gut so. Und vielleicht habt ihr gedanklich auch ein Puzzlestein in der Hand. Konfirmandenunterricht? Das hat doch irgendwie was mit Gott zu tun. Dieses Wissen könnte ein Puzzelstein sein. Eine andere würde vielleicht sagen: Konfirmandenterricht? Ach ich weiß, Kirche. Wir lernen viel über Kirche. Eine dritte sagt vielleicht: Zehn Gebote. Ich habe schon mal was von den Zehn Geboten gehört.

Gott. Kirche. Zehn Gebote. Drei Puzzlesteine. Aber wie gehören die zusammen? Vielleicht kriegt ihr sie im Moment auch noch gar nicht zusammen. Aber immerhin, ihr habt schon mal einen oder zwei oder drei Puzzlesteine vor euch liegen. Das Dumme ist nur, ihr wisst gar nicht, wie dieses Bild im Ganzen aussieht.


Wisst ihr, ich stelle mir das so vor. Der Glaube ist wie ein großes Puzzle, und ihr, ihr neuen Konfirmanden, ihr fangt nun, dieses Puzzel selber zusammenzulegen. Und mit jedem Bibelseminar, mit jedem Workshop, mit jeder Freizeit, mit jedem Gottesdienst bekommt ihr mehr Puzzlesteine in die Hand. Und manchmal, manchmal passt auch das eine Steinchen zum anderen und ihr erkennt ein bisschen mehr, wie das Gesamtbild aussehen wird. Und mit eurer Konfirmation habt ihr dann schon eine ganze Reihe an Steinchen, und vielleicht ergibt sich für euch dann schon ein erstes Bild.

Wie? Könntet ihr jetzt fragen? Wir haben zur Konfirmation immer noch nicht alle Puzzlesteine? Wir wissen am Ende unserer Konfirmandenzeit immer noch nicht alles über Gott und Glaube und Kirche? Ich muss euch leider enttäuschen. Genau so ist das. Glaube ist nichts, was irgendwann fertig ist. Glaube ist etwas, das sich das ganze Leben hindurch entwickelt, wächst, verändert. Selbst wenn ihr erwachsen seid, selbst wenn ihr alt seid, werdet ihr noch neue Puzzelsteine finden, und das Bild des Glaubens wird sich dann wieder verändern.

Paulus, der alte Meister des Glaubens, hat einmal in der Bibel das mit seinen eigenen Worten so beschrieben:


Als Kind war ich auch in meiner Denke ein Kind, ich beobachtete und bewertete die Welt aus dieser Perspektive. Als ich dann erwachsen wurde, wollte ich kein Kind mehr sein. Aus jetziger Sicht ist uns aber vieles immer noch total unklar. Wir verstehen Sachen nicht, fast so, als wären wir benebelt. Aber irgendwann werden wir Gott deutlich vor uns sehen, und dann wird uns vieles klar werden Was ich bis jetzt verstanden habe, ist unvollständig. Dann aber werde ich den totalen Durchblick haben, so wie Gott jetzt schon über mich den totalen Durchblick hat (1. Kor. 13,11+12, Volxbibel).


Der Glaube ist ein lebenslanges Lernen. Immer wieder kommen neue Puzzelsteine dazu. Immer wieder ergeben sich neue Fragen, neue Erkenntnisse, neue Vorlieben. Und von daher ist der Glaube nichts, was man in der Hosentasche hat. Dein Glaube und mein Glaube verändert sich ständig, ist ständig in Bewegung und nimmt immer wieder neue Formen an.


Ich will euch das mal an einem kleinen Beispiel deutlich machen. Ich war im Juli und im August in Tansania und habe dort Gemeinden besucht und Christen kennengelernt. Ich habe dabei etwas gesehen, das ich hier in Deutschland so noch nicht erlebt habe. Ich habe beobachtet, wie Menschen andere Menschen geheilt haben, indem sie für sie gebetet und ihnen die Hand aufgelegt haben. Komisch, dachte ich bei mir, was die da wohl machen. Aber für unsere Freunde in Tansania ist das selbstverständlich. Gott gibt uns die Kraft, sagen sie, andere Menschen zu heilen. Für mich ein neues Puzzleteil. Noch weiß ich nicht, wo es hingehört. Ich habe es in meiner Hand, denke darüber nach, suche den Platz, wo es in meinem Puzzlebild eingesetzt werden kann. Eine neue Erfahrung, und schon ist wieder vieles im Fluss. Übrigens, deswegen finde ich den Glauben an Gott so unheimlich spannend und lohnend. Der Glaube ist keine Matheaufgabe, für die es nur eine Lösung gibt, und wenn ich den Lösungsweg kenne, dann ist ja alles klar.


Nein, der Glaube an Gott fordert mich immer wieder neu heraus. Er stellt mir Fragen, und ich darf auf meine Fragen immer wieder neue Antworten finden.


Aber wie fange ich an? Wo ist der erste Stein, den ich setze? Ich habe doch noch gar keine Ahnung, wie das Gesamtbild aussehen kann?, fragt ihr euch vielleicht. Ich habe noch keinen Durchblick. Ich weiß überhaupt nicht, wie das geht mit dem Glauben? Womit fange ich an? Was ist mein Eckstein?


Derselbe Paulus, von dem ich eben erzählt habe, hat einmal gesagt:



Jesus Christus ist der Eckstein, auf welchem der ganze Bau des Glaubens und der Kirche ineinandergefügt wächst.


Paulus hatte das Bild eines Hauses im Kopf. Bei einem Hausbau gibt es bestimmte Stein, wo die meiste Last der Wände zusammenkommt, die sogenannte Ecksteine. Aber ich denke, sein Satz passt auch für die Rede des Glaubenspuzzle. Wenn ihr eine Puzzle anfangt, dann ist es am einfachsten, ihr fangt mit den vier Ecken an. Dann werden sich nach und nach weitere Steine einfügen.


Wer mit dem Puzzle des Glaubens anfangen will, der fängt am besten mit Jesus Christus an. Der ist wie ein Eckstein für dieses Puzzle.

Wer wissen möchte, wie Gott ist, der schaue ich am besten das Leben und Wirken Jesu an.

Wer wissen möchte, wie wir Christen uns verhalten sollen, der schaue sich am besten an, wie Jesus Christus sich verhalten hat.

Wer wissen möchte, was am Ende der Welt passiert, der höre sich am besten die Worte Jesu an.


Für Glaubenseinsteiger ist Jesus Christus ein guter Ausgangspunkt, und für langjährige Christen ist dieser Jesus immer wieder ein gutes Fundament. An ihm entscheidet sich unser späteres Puzzlebild des Glaubens. An ihm entscheidet sich der christliche Glaube. An ihm entscheidet sich auch, wir als Menschen oder als Kirche auf dem richtigen Weg sind.


Okay. Das wäre geschafft. Die Ecksteine sind gesetzt. Und nun? Wie geht es weiter? Es liegt an dir, ob du mit deinem Puzzelbild weiterkommst. Im Glaubenspuzzle ist es wie mit einem richtigen Puzzle. Du musst dran bleiben und Stein für Stein setzen. Selbst wenn es zwischenzeitlich langweilig wird, selbst wenn du irgendwie nicht vorankommst, irgendwann findest du den nächsten Stein. Wenn du aufhörst und aufgibst, kann sich dein Glaubensbild nicht weiterentwickeln. Aber tröste dich: dein Glaubenspuzzle wird nicht weggeräumt. Es bleibt auf dem Tisch liegen, und du kannst selbst nach Jahren wieder weitermachen. Diese Chance gibt dir Gott immer und immer wieder.


Und übrigens, wir Christen glauben, dass wir am Ende unserer Zeit das ganze Bild von Gott sehen. Wie hat Paulus noch einmal gesagt?


Eines Tages werden wir den totalen Durchblick haben, so wie Gott jetzt schon über mich den totalen Durchblick hat.


Aber bis dahin haben wir noch eine ganze Menge zu tun. In diesem Sinne, viel Spaß beim Puzzlen und viel Erfolg bei der Suche nach Gott.


VON: HARTMUT GÖRLER (1. KOR. 13, 11+12)





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Stand:  18.04.2010 21:58