Predigtarchiv

Wenn Posaunen Mauern zum Einstürzen bringen
vom 01.07.12, 21:45    Rubrik: Predigten

1892. Wisst ihr, was 1892 war? Natürlich. Im Jahr 1892 wurde unser Posaunenchor gegründet. Besser gesagt: im Jahr 1892 wurde der Posaunenchor zum ersten Mal urkundlich erwähnt, und zwar im Visitationsbericht des Kirchenkreises. Vermutlich wurde also der Posaunenchor sogar noch eher gegründet. Wer weiß?


1892 war Fröndenberg noch eine ländlich geprägte Ortschaft. Es gab noch keine Schwerindustrie. Die katholische Kirche St. Marien stand vermutlich im Rohbau. Hier in dieser Kirche fanden evangelische und katholische Gottesdienste im Wechsel statt.


1892.

In Oslo findet am Holmenkollen der erste Skisprungwettbewerb statt. Der Norweger Arne Ustvedt siegt mit einem Sprung von sage und schreibe 21,5 Metern.

Der Gelsenkirchener Chemiker Rudolf Rempel meldet das Weckglas zum Patent an.

Der Dentist Washington Sheffield verkauft in Connecticut erstmals Zahnpasta in einer von ihm erfundenen Tube.

Die privaten Eisenbahnen bewirken in Preußen in den Folgejahren einen Aufschwung im Personen- und Güterverkehr.

In Hamburg beginnt eine Cholera-Epidemie.


Das Ballett "Der Nussknacker" von Pjotr Iljitsch Tschaikowski wird in Sankt Petersburg uraufgeführ

Ein ereignisreiches Jahr. Und der Posaunenchor Fröndenberg wurde auch gegründet.

Und doch war der Jünglingvereins kein Vorreiter. Er schwamm sozusagen auf einer Begeisterungswelle, die mit dem Namen Friedrich Johannes Kuhlo zusammenhing. Der wurde 1856 in Löhne geboren. Als junger Theologe kam er nach Bethel und wurde Vorsteher der Diakonenanstalt Nazareth. Die dort ausgebildeten jungen Männer ließ er Blasinstrumente spielen und erreichte so eine flächendeckende Verbreitung der Posaunenmusik in den Gemeinden. Auf Kuhlo geht die sogenannte „Klavierschreibweise“ für Trompeten und Hörner zurück, bei der die Noten klingend. Er wollte einfach, dass das Zusammenspiel von Gemeinde, Orgel, Chor und Posaunenchor problemlos möglich ist.


Aber auch Kuhlo war nicht der Anfang der Posaunenchorbewegung. Wie wir eben gehört haben, spielten Posaunen und Hörner bereits damals zu Zeiten des Alten Testamentes ihre Bedeutung. Und Jericho wird immer als eine der ältesten Städte überhaupt bezeichnet.


Schon als Kind habe ich mir diese Geschichte in meiner eigenen Fantasie sehr bildlich ausgemalt. Wie die Priester mit ihren Posaunen um die Stadt herumziehen. Wie bei Trompetenklang die Mauern einstürzen und sich der Weg öffnet für das Volk Israel. Darüber gepredigt habe ich noch nie. Vielleicht weil die Geschichte eigentlich eine kriegerische Auseinander beschreibt. Aber zum heutigen Anlass, zum Jubiläum des Posaunenchores und zur Verabschiedung der Tansaniareisenden habe ich sie doch ausgewählt. Allerdings deute ich sie weniger historisch als vielmehr im übertragenen Sinne.


Posaunen, Trompeten, Hörner und die dicke Tuba, die können Mauern zum Einstürzen bringen.

Das Volk Israel war in der Wüste unterwegs. Über Generationen hinweg war es in Ägypten unter fremder Herrschaft. Jetzt endlich waren sie frei, die Israeliten. Aber ihr neue Heimat hatten sie noch nicht erreicht. Sie waren unterwegs, im Vertrauen darauf, dass Gott für sie sorgen würde. Aber immer wieder stellten sich ihnen Hindernisse in den Weg. Diesmal waren es die dicken Mauern von Jericho. Sie kamen einfach nicht rein. Sie kamen einfach nicht durch. Aber Gott half ihnen zum wiederholten Male. Diesmal legte er seine Kraft auf die Vorläufer unserer heutigen Instrumente und verlieh ihnen einen besonderen Segen. Unter dem Klang der Posaunen fiel die berühmte Stadtmauer in sich zusammen.


Posaunen, Trompeten, Hörner und die dicke Tuba sie haben, wenn Gott das will, eine ganz besondere Kraft. Sie können Mauern einreißen, sichtbare wie in der Bibel beschrieben und unsichtbare. Damals und heute. Posaunenklänge können einen Weg eröffnen, können Menschen berühren, verändern, ermutigen.


Und ich erlebe das immer wieder, dass Menschen durch euch Gottes Segen spüren.


Eine Frau erzählte mir nach dem Bläserkonzert in der Dorfkirche Bausenhagen im Herbst letzten Jahres, wie glücklich die Musik sie gemacht habe. Da hatte Gott eure Musik, unsere Musik, benutzt, um einen Menschen Freude zu schenken.


Oder unsere Osterfeier auf dem Alten Friedhof. Jahr für Jahr spielt ihr dort, und ihr lasst die Osterbotschaft über die Gräber fliegen hinein in unsere Stadt. „Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh; Christ will unser Trost sein“. Seit 14 Jahren bin ich nun hier und ich habe den Eindruck, dass von Jahr zu Jahr mehr Menschen kommen zu dieser Osterandacht. Und ihr als Posaunenchor seid sicherlich ein gewichtiger Grund. Ihr könnt Mauern mit euren Liedern Mauern der Traurigkeit zum Einsturz bringen, wenn Gott eure Töne segnet. Ihr könnt Menschen, die um einen lieben Angehörigen trauern, Mut machen. Ihr könnt aus der kalten Friedhofsatmosphäre einen Ort der Auferstehung machen. Ihr könnt tatsächlich Mauern einstürzen lassen, wenn Gott eure Musik benutzt, um Menschen anzusprechen und zu erreichen.


Und von daher ist Kirchenmusik in der Tat etwas anderes als säkulare Musik, die natürlich auch schön sein kann. Aber mit eurer Musik dient ihr Gott und Gott dient mit eurer Musik den Menschen. So wie damals vor den Jerichos. Gott wollte seine Macht und seine Kraft und seine Liebe seinem Volk zeigen und benutzte die Posaunenklänge, um es ihnen deutlich zu machen. Im Posaunenchor lebt ihr vielleicht euer Hobby. Das ist gut und schön. Aber ein kirchlicher Posaunenchor zu sein ist noch mehr. Ihr seid Boten Jesu Christi. Ihr seid ein Werkzeug und posauniert seine Botschaft in unsere Gemeinde hinein, in unsere Stadt, in unsere Familien. Ihr könnt zur Stimme werden, wenn Gott das will, und eure Töne können seine Worte sein an uns. Sie können befreiend sein, tröstend, seelsorglich, ermutigend, zur Umkehr rufend, kritisch hinterfragend, versöhnend, vergebend, heilend. Ich weiß nicht, ob euch das bewusst ist. Eure Musik kann die Macht haben, die Grundfeste eines Menschen zu erschüttern und ihn komplett zu verändern.


Ich sehe aber auch eine ermutigende Botschaft für euch als Jugenddelegation. Wenn ihr morgen nach Tansania aufbrecht, dann werdet ihr möglicherweise in Dar Es Salaam auch auf Mauern stoßen. Auf Sprachbarrieren. Auf kulturelle Mauern. Auf Verständnismauern. Vielleicht werdet ihr auch selber mauern und zumachen, weil alles so anstrengend ist. Weil ihr so vieles nicht versteht. Weil ihr vieles nicht akzeptieren könnt. Ihr werdet euch an Mauern reiben und stoßen. Ganz bestimmt.

Aber ich vertraue zum einen darauf, dass Gott schon Mittel und Wege weiß, wie diese Mauern zum Einsturz gebracht werden können. Und wenn erst mal diese Mauern weg sind, dann kann Begegnung stattfinden. Dann können sich die Menschen vor und hinter den Mauern in die Arme nehmen und Hand in Hand durch die Straßen gehen.


Und ich glaube darüber hinaus aber auch, dass Gott auch euch Vollmacht geben wird, Mauern umzureißen. Eure Musik, darauf vertraue ich, wird dazu einiges beitragen. Ihr habt zwar nicht wie die letzte Gruppe um Ramona Kühn Posaunen, Trompeten und Hörner mit dabei Aber ihr habt eure Stimmen. Ihr habt eure punkt11-Lieder. Ihr spielt Gitarre, Cajon, Keyboard, Flöte. Und ihr werdet mit euren Liedern, wenn Gott seinen Segen darauf legt, Mauern zum Einsturz bringen. Ihr werdet Vorhänge zur Seite schieben, Türen öffnen können und echte Begegnungen ermöglichen können. Ihr werdet zueinander finden, weil Gott es will.


1892.

Seitdem ist unser Posaunenchor ein Türöffner.

Mit seinen Chorälen, mit seinen klassischen, aber auch zeitgenössischen Stücken baut er Stein für Stein eine Mauer ab und ermöglicht uns Zuhörern einen neuen Zugang zu Gott. Und so hoffe ich, dass unser Posaunenchor noch lange bestehen wird und mithilft, die Mauern zwischen Gott und uns Menschen einzureißen. Das ermögliche uns der Heilige Geist. Amen.




VON: HARTMUT GÖRLER (JOSUA 6)





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Stand:  18.04.2010 21:58