Predigtarchiv

Gedanken zur Fußball-EM
vom 08.06.12, 14:16    Rubrik: Predigten

Der Ball rollt. Endlich. Seit Wochen, seit Monaten warten wir auf diesen Moment. Und jetzt zählt´s. Wer wird gewinnen? Wer wird Gruppenerster? Wer wird weiterkommen? Wer steht im Finale? Hoffentlich Deutschland. Wenn nicht, geht es uns wie den Bayern nach dem verlorenen Champions-League-Finale. Sie wurden Zweiter in der Meisterschaft, Zweiter im Pokal. Sie wurden die zweitbeste Mannschaft in Europa. Und doch reden alle von einer völlig verkorksten Saison. Wie kommt so was? Müssen wir immer nur gewinnen und dürfen wir nicht mehr Zweiter werden?

Bald beginnen die Olympischen Spiele. Dann werden wir wieder dasselbe erleben. Die Presse berichtet von den Finalen, von dem Goldmedaillengewinner. Aber Silber ist schon nur noch halb so viel wert. Und Bronze ist die Verlierermedaille. Und was ist mit denen, die in der Vorrunde ausscheiden, obwohl sie Bestzeit gelaufen sind? Für die interessiert sich keiner.

Was ist das? Drückt das vielleicht aus, wie wir heutzutage in unserem Land ticken? Ist das so, dass wir gewinnen müssen und nicht verlieren dürfen? Nur wer oben steht, wird beachtet. Wer unten steht, wird übersehen.

Aber ich befürchte, dieser Siegerblick hat uns schon längst in der Gesellschaft eingeholt und vergiftet. Und zwar nicht nur im Sport:

Ich habe neulich mit einem Mann gesprochen, der ist Bankangestellter. Und immer wieder bekommt er betriebswirtschaftliche Ziele auf den Tisch gelegt, die er gefälligst innerhalb der nächsten Monate erreichen muss. Und kurisoserweise wird die Messlatte immer höher gelegt, und nur wenn er diese Latte überspringt, bekommt er seine finanziellen Zuschläge.

Oder dieses Jopi-Heesters-Phänomen. Anfangs fand ich das ja noch ganz witzig, aber hinterher hat mich das nur noch angewidert. Was hat der für eine Botschaft ausgesendet! Wir müssen fit sein, selbst im Alter. Wir dürfen keine Schwäche zeigen. Siegertypen stehen auf der Bühne. Looser werden nicht gebraucht.

Aber ich sage euch: diese Lebensphilosphie macht krank. Und weil wir Menschen die eigenen oder fremden Erwartungen nicht mehr erfüllen, brennen wir aus. Burn out. Wir schaffen es nicht immer, oben zu schwimmen. Aber wenn wir untergehen, werden wir aussortiert. Diese Sichtweise, und das sage ich ganz deutlich, ist nicht christlich und schon gar nicht biblisch.

Die Bibel sagt:

Nicht nur die Gewinner, sondern auch die Verlierer sind Ebenbilder Gottes. Nicht nur die oben, sondern auch die unten sind wunderbar geschaffen, wertvolle Menschen, geliebt. Ob wir nun Erster oder Zweier oder Dritter sind, ob wir uns im Mittelfeld bewegen oder unter den Letzten sind, wir sind von Gott geliebte Menschen. Wir haben einen bleibenden unermesslichen Wert, unabhängig von unserer Leistung. Bei Gott können mit unseren scheinbaren Leistungen und Siegen keinen Blumentopf gewinnen. Unabhängig von dem, was wir tun und schaffen, sagt Gott zu uns: Super. Einmalig. Absolut gut gelungen. Einfach spitze.

Ach, ich wünschte mir so sehr, dass wir dieses Sieger-und-Verlierer-Denken durchbrechen könnten. Klar, im Sport, da gehört die Konkurrenz einfach dazu. Ist doch logisch. Aber wenn wir diese Philosophie auf andere Lebensbereiche übertragen, kann es gefährlich werden. Und trotzdem bin ich nicht naiv. Ich weiß, dass ich nicht die moderne Welt mit ihren Leistungsprinzipien durchbrechen kann. Aber was ich kann, ich kann mir und anderen immer wieder von der Liebe predigen. Ich kann versuchen, diese Liebe zu leben und andere so anzunehmen, wie sie sind. Und wenn wir das gemeinsam tun, dann können wir diesem Oben-und-Unten-Schema zumindest die Spitze abbrechen und ihr die Macht wegnehmen. Denn entscheidend ist nicht, was die anderen Menschen von uns denken. Entscheidend ist, was Gott von uns denkt. Und er schaut uns an und findet in uns sein Ebenbild. Egal ob wir Verlierer oder Gewinner sind, Erste oder Zweite oder sogar Letzte. Gott schaut in unsere Gesichter und sagt: Siehe, es ist alles sehr gut.


VON: HARTMUT GÖRLER (1. MOSES 1)





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Stand:  18.04.2010 21:58