Predigtarchiv

Pfingsten - Gottes Tritt in unseren Hintern
vom 27.05.12, 21:03    Rubrik: Predigten

(Ich sitze demonstrativ auf einem Stuhl).


So stelle ich mir die Jünger vor. Vor dem Pfingstfest. Sie sitzen. Sie sitzen auf einem Stuhl. Sie sitzen einfach nur herum. Immerhin sind sie alle da. Immerhin sind sie nicht orientierungslos auseinander gelaufen. Sie sind alle gekommen.


Wie damals, als Jesus ans Kreuz genagelt wurde. Damals waren die Jünger auch alle an einem Ort. Damals saßen sie auch, auf Tischen, Bänken und Stühlen. Sie hatten Angst. Sie hatten sich eingeschlossen. Sie waren gelähmt von den Erlebnissen von Golgatha. Sie wussten nicht weiter, waren völlig hoffnungslos und kraftlos.

Dann kam Jesus, der Auferstandene zu ihnen. Friede sei mit euch! So grüßte er sie. Er kündigte ihnen die Kraft aus der Höhe an, den Heiligen Geist. Dann führte er sie heraus aus ihrem Versteck, nahm sie mit nach Bethanien und segnete sie.


Und jetzt sitzen sie wieder, die Jünger. Die Bibel erzählt, dass sie in einem Raum sind. Ich stelle mir vor, dass sie auf ihren Stühlen sitzen und warten. Es passiert nichts. Sie warten halten ab. Was mag ihre Stimmung gewesen sein?

Die einen mögen unsicher gewesen sein, ob das alles so stimmt, was Jesus gesagt hat.

Die anderen mögen vielleicht das Gefühl gehabt haben, dass sie den Höhepunkt ihres Glaubens schon hinter sich haben. Was soll jetzt noch Besonderes kommen?

Wieder andere mögen vielleicht gezweifelt haben, ob sie mit diesem Jesus, der jetzt weg war, nicht doch auf´s falsche Pferd gesetzt hatten.


So stelle ich mir die Jünger in jenem Haus vor. Ausgebremst. Kraftlos. Vielleicht sogar gelangweilt. Sie sitzen einfach nur rum.




Ausgebremst. Kraftlos. Langweilig.

So wie viele Menschen heute ihren Glauben im wahrsten Sinne des Wortes absitzen. Ja, es gibt heute viele, viel zu viele Menschen, die ihren Glauben im Sitzen verbringen.

Sie glauben, dass es einen Gott gibt, ja, mehr aber auch nicht.

Sie beten vielleicht zu Gott, aber erwarten nicht unbedingt, dass er ihnen auch helfen wird.

Eine Bibel haben sie im Haus, aber irgendwo im Regal.

Sie reden von Gott wie von einer mathematischen Formel, die nicht bewiesen werden kann.

Sie leben von der Vergangenheit. Damals, als sie jung waren, damals waren sie noch begeistert. Aber jetzt? Jetzt ist der Glaube Routine. Sie haben sich dran gewöhnt, dass es Gott gibt.

Das ist ein Glaube im Sitzen, ein Glaube wie eingeschlafene Füße.

Wer von Gott nichts mehr erwartet, der sitzt auf seinen eigenen vier Buchstaben.

Wer nicht mehr hoffen kann, Gott zu spüren und zu erleben, der bekommt allmählich geistliche Schwielen unter´m Hintern.

Wer die Augen davor verschließt, dass Jesus Christus uns immer wieder neue Aufgaben und Herausforderungen stellt, ist kurz vor dem Einschlafen.

Ein Sitzglaube. Schade.


Aber


das ist zu wenig, wie uns die Pfingstgeschichte lehrt.

Das darf um Gottes Willen nicht sein.

Das kann Gott nicht auf sich sitzen lassen.

Da kann er nicht stumm bleiben.

Da muss etwas passieren.

Da muss er eingreifen und seine geliebten Menschen wachrütteln.

Da muss Gott seinen Heiligen Geist schicken und die Menschen wieder neu in Bewegung setzen.


Das ist Pfingsten.


Pfingsten ist ein Wachrütteln von eingeschlafenen Christen.

Pfingsten ist ein geistliches Feuer unter dem Hintern von uns Menschen.

Pfingsten ist neuer Wind in den Lebenssegeln.

Pfingsten ist ein Tritt in das Gesäss.

Pfingsten ist die Aufforderung aufzubrechen, den Stuhl der Gemütlichkeit hinter sich zu lassen, aufzuspringen, loszugehen und sich in Bewegung zu setzen.


(Ich schmeiße den Stuhl demonstrativ hinter mich).


Wie damals im Haus der Jünger. Sie saßen da und wurden regelrecht aufgeschreckt.

In der Lutherbibel heißt es: Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind.

Da wurde es auf einmal laut und hektisch. Da ging die Post ab. Da kam Bewegung in die Bude. Ein gewaltiger Wind erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Aber damit nicht genug.

Sie sahen so etwas wie Feuer. Das Haus wurde mit Licht erfüllt. Was für ein Spektakel.

Ja, wenn Gott eingreift, reichen die herkömmlichen Bilder und menschlichen Worte nicht aus. Da muss man auf einmal Bilder wählen, die alle menschlichen Vorstellungen übersteigen. Ein Sturm im Haus. Feurige Zungen.

Und doch erinnern Wind und Feuer an ganz alte Geschichten.

Sturm: Wind bei der Schöpfung: und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.

Und es war Elia, der Wind auf seiner Haut spürte und begriff: jetzt ist Gott da. Und der schickte ihn vom Berg Horeb hinab ins Tal um loszugehen und weiterzuwirken.

Es war Moses, der einen brennenden Dornbusch sah und von Gott den Auftrag erhielt: Mach dich auf den Weg. Setz dich in Bewegung. Geh hinunter nach Ägypten und befreie mein Volk aus der Knechtschaft.


Wind und Feuer setzen in Bewegung. Es ist Gott selber, der die Jünger antreibt, ihnen Kraft verleiht, sie in Schwung versetzt. Es ist Gott selber, der die Türen öffnet und die Schlafmützigkeit durchbricht. Es ist Gott selber, die die Männer von damals erfüllt und verändert.

Aus dem Sitzen wird ein Gehen. Aus der Bequemlichkeit Beweglichkeit. Die Jünger gehen aus dem Haus raus und bringen die gute Nachricht von Jesus Christus zu den Menschen. Und es beginnt eine Missionsbewegung, die bis heute anhält und mittlerweile den letzten Winkel der Erde erreicht hat.


Pfingsten.


Pfingsten ist also zum einen ein immer wiederkehrendes Hinterfragen.

Wo bleibe ich als Christ sitzen?

Wo bin ich als einer, der an Gott glaubt, viel zu bequem?

Wo bin ich in einer unguten Weise festgelegt, festgefahren, angewurzelt?

Wo ist bei mir Stillstand, Müdigkeit, Schläfrigkeit?

Wo ist bei mir der Glaube nur etwas, das ich habe, mich aber nicht in Bewegung setzt?

Wo bin ich zu faul und nehme Gott damit die Möglichkeit, mit mir und durch mich die Welt zu verändern und Gottes Willen umzusetzen?

Wo stehe ich Gott im Weg? Besser gesagt: Wo bleibe ich sitzen, obwohl ich mich eigentlich bewegen sollte?

Wo ist mein Glaube ein Sitzglaube?


Pfingsten ist aber mehr als nur ein kritisches Hinterfragen.

Pfingsten ist Gottes Tritt in meinen Hintern.

Am Pfingsttag steckt Gott meinen geistlichen Stecker wieder in die Steckdose. Pfingsten ist ein Anschupser Gott.

Er legt seine Kraft in mich hinein.

Er reißt mich aus dem Sessel, öffnet die Tür, lässt frische Luft hinein. Er sendet mich hinaus in die Welt und beauftragt mich, mich für seine Sache einzusetzen!

Er kommt zu mir und zeigt mir den Weg. Er setzt mich in Bewegung.


Geh raus, sagt er, raus aus deinen Bequemlichkeiten und fang endlich an, von mir zu erzählen und mich zu bekennen in der Schule, im Sportverein, im Büro, in der Kneipe.


Geh raus, sagt er, raus aus deiner Selbstbemitleidung. Du bist reich. Du hast Geld. Teil es mit den Armen.


Geh raus, sagt er, raus aus deiner viel zu zurückhaltenden Lebensweise. Fang endlich an, dich für die Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen und dich gegen menschenverachtende Bemerkungen in deinem Umfeld zu wehren.


Geh raus, sagt er, raus aus deinem Schulterzucken, und fang endlich an, bei dir zuhause dich für den Klimaschutz einzusetzen. Du kannst nicht darauf warten, dass die sogenannten Großen damit anfangen. Du selber hast Verantwortung für meine gute Schöpfung.


Geh raus, sagt er, raus aus deinem Kleinglauben. Du meinst immer, du könntest nichts bewegen. Dabei gebe ich dir doch auch die Kraft zu heilen und zu befreien, zu verändern und zu gestalten.

Geh. Geh raus aus deinem Kämmerlein und vertraue darauf: ich selber, der ewige Gott, gebe dir die Kraft dazu, die Fähigkeiten, die Zeit. Ich schenke dir meinen Heiligen Geist. Ich bin selber tief in dir drinnen und segne dein Tun und dein Lassen. Ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende. Deswegen sollst du raus aus dem Sessel. Glaube ist Dynamik, Bewegung, unterwegs sein, Neues entdecken und eben keine Sesselfurzerei.


Gott setzt in Bewegung. Dich und dich und dich und mich. Das ist Pfingsten 2012..






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Stand:  18.04.2010 21:58