Predigtarchiv

Wohin geht die Himmelfahrt?
vom 16.05.12, 11:01    Rubrik: Predigten

Manchmal steht uns unsere deutsche Sprache im Weg. Manchmal hilft sie uns einfach nicht weiter. Manchmal kommen wir mit unserer deutschen Sprache einfach an die Grenzen. Manchmal fehlen uns im wahrste Sinne des Wortes Worte.

Und das gilt auch für den Begriff Himmelfahrt. Jesus ist in den Himmel gefahren. Himmel. Das hört sich ganz schön weit weg an. Wenn wir das Wort Himmel verwenden, schauen wir nach oben. Wir denken uns: na, wo ist er denn, dieser Jesus? Wo ist Gott? Ist er auf dem Mond. Der ist immerhin im Mittelwert 384.400 Kilometer von uns entfernt. Oder ist er beim Mars? Dann wäre Jesus sogar zwischen 56 und 401 Millionen Kilometer von uns entfernt. Oder ist der Himmel irgendwo in der Milchstraße? Die ist immerhin laut Internet Hunderttausend Lichtjahre groß. Wo ist er denn nun, dieser Jesus, wenn er in den Himmel gefahren ist?

Wir merken schon, irgendwie passt das nicht zusammen. Ob nun Mond, Mars oder Milchstraße, irgendwie können wir den genauen Ort nicht festlegen, wo Jesus jetzt ist und wo der Thron Gottes steht.

Und doch hat sich diese Vorstellung in unseren Köpfen festgesetzt.


Jesus ist in den Himmel gefahren, und damit ist er so richtig weit weg; so weit weg, dass er mit unserm Leben nichts mehr zu tun hat; so weit weg, dass es sich eigentlich nicht lohnt, sich mit ihm zu beschäftigen, mit ihm zu rechnen, ihm zu vertrauen oder gar an ihn zu glauben.


Und das alles nur, weil der Begriff Himmel so festgelegt ist. Hier ist die Erde, irgendwo über uns, jenseits unserer Welt ist der Himmel.

Himmel und Erde sind in unserer Sprache ein Gegenüber, ein Gegensatz. Himmel und Erde schließen sich sozusagen aus. Wenn Jesus in den Himmel gefahren ist, dann ist er nicht mehr in unserer Welt. Dann ist er weg. Außerhalb unserer Wirklichkeit.



Schade. Denn mit dem Wort Himmel-Fahrt ist nun überhaupt nicht der blaue Himmel mit den weißen Wolken gemeint, und auch nicht die Milchstraße oder das Universum. Unsere deutsche Sprache reicht an dieser Stelle überhaupt nicht aus, das zu beschreiben, was die Bibel aussagen will.


Die Engländer haben es da schon besser. Die haben für unser deutsches Wort Himmel immerhin schon zwei Worte. Sie reden, viele von Ihnen werden das wissen, von sky und heaven. Sky ist der natürliche Himmel. Dort, wo sich das Wetter abspielt. Die kosmische Welt um uns herum. Das, was wir normalerweise unter Himmel verstehen.


Wenn ich aber die englische Bibel aufschlage und mir die Himmelfahrtsgeschichte anschaue, dann ist dann eben gerade nicht die Rede von sky. Die Überschrift zu unserer Geschichte lautet im Englischen: Jesus is taken to heaven. Und heaven ist eben nicht der Himmel über uns. Der Raum, wo die Flugzeuge fliegen und die Satelliten. Heaven ist vielmehr der Ort, wo Gott ist.

Sie merken, wir brauchen nur einen Fuß in unser Nachbarland setzen, und schon öffnen sich für uns begrifflich neue Horizonte. Jesus ist, wenn wir die englische Sprache zugrunde legen, eben nicht irgendwo ganz weit weg im Himmel. Jesus ist in heaven, in Gottes unsichtbarer Welt.


Nun gut, ich gebe zu, jetzt geht die Fragerei natürlich weiter.

Wenn Jesus nicht im Himmel ist, sondern in heaven, wo ist dann der heaven? Wo ist Jesus denn jetzt? Wo ist die geheimnisvolle Welt Gottes?


Dazu lohnt es sich, vielleicht doch noch mal in die Geschichte von eben hineinzuschauen, in unsere sogenannte Himmelfahrtsgeschichte.




Also, Jesus sitzt mit seinen Freunden zusammen. Schon oft hat er angekündigt, dass er sie verlasse würde. Die Jünger fragen sich: Wo ist er dann? Ist er dann weg? Unerreichbar? Außerhalb unserer Lebenswelt, unseres Alltags? Weg von unseren Fragen, Sorgen, Zweifeln? Da spricht Jesus sie erneut an und sagt: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“. Er korrigiert sozusagen ein Missverständnis und sagt: Ich werde nicht räumlich weg sein. Ich werde nur anders hier sein. Ich werde in der Kraft des Heiligen Geistes hier sein. Ich werde in die Welt Gottes gehen, aber die Welt Gottes ist hier, bei euch, in eurem Leben. Noch einmal. Ich werde nicht weg sein, ich werde nur anders hier sein. Ihr werdet mich zwar nicht sehen, aber ihr werdet meine Kraft spüren. Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.

Und dann geschieht es. Irgendetwas Geheimnisvolles. Irgendetwas, das die Jünger nicht verstehen und nicht beschreiben können. Sie spüren: jetzt ist Gott am Werk. Auf einmal ist Jesus weg. Und doch ist er da. Auf einmal können sie ihn nicht mehr sehen. Aber dafür sind zwei Engel da. Und die sagen zu den Jünger: Was schaut ihr nach oben zum Himmel? Jesus ist nicht oben, irgendwo weit weg. Kehrt nach Jerusalem zurück. Dort werdet ihr ihn sehen.

Ob die Jünger verstehen, was passiert ist? Eher nicht. Aber sie vertrauen diesen Worten. Sie gehen los. Sie gehen nach Jerusalem. Sie wissen: irgendwas ist jetzt anders. Jesus ist weg, und doch ist er irgendwie da. Sie sehen ihn nicht, und doch ist er irgendwie an ihrer Seite. Und sie erinnern sich an seine Worte: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen. Ob diese Worte wahr werden? Sie lassen sich darauf ein. Sie vertrauen diesen Worten und sind gespannt darauf, ob und was geschehen wird.

Es dauert nicht lange, da fangen die Jünger an, von Jesus öffentlich zu reden, von ihm zu predigen. Und die Leute bleiben stehen, hören zu, saugen regelrecht auf, was die Jünger zu sagen haben. Diese fremden Menschen glauben an Jesus, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Die Jünger spüren: Das ist nicht unser Verdienst. Jesus ist da. Seine Kraft ist wirksam. Der Heilige Geist ist gegenwärtig. Jesus ist nicht weg,

er ist nur anders da.

Die Geschichte Jesu geht weiter. Denn dieses Phänomen ist keine Eintagsfliege. Schon bald entstehen die ersten Gemeinden, einladende Gemeinschaften, die immer mehr Menschen anziehen. Die Jünger wissen: Das haben nicht wir geschafft. Jesus ist hier. Seine Kraft ist mächtig. Sein Heiliger Geist baut diese Gemeinden auf.

Dann wird es noch erstaunlicher. Die Jünger, die vorher Fischer waren, haben die Vollmacht, Menschen zu heilen. Ein Gelähmter kann auf einmal gehen. Die Jünger wissen: das sind nicht wir. Das ist Jesus. Jesus ist nicht weg. Er ist hier und wirkt.

Oder Petrus, der ehemalige, menschenscheue ungebildete Fischer. Er tritt auf einmal mutig vor die Mächtigen der damaligen Zeit. Er erzählt von Jesus, ohne Angst. Auch er weiß: diese Kraft ist nicht meine Kraft. Diese Kraft ist die Kraft Jesu, die er am Tag seiner Himmelfahrt verheißen hat. Und so geht die Geschichte Jesu weiter. Immer weiter. Bis zum heutigen Tag.


Himmelfahrt. Jesus ist in den Himmel gefahren. Ich glaube, wir müssen noch mal sehr genau hinschauen, ob unser eigenes Bild vom Himmel mit dem der Bibel übereinstimmt. Wenn wir die Bibel ernst nehmen, dann ist Jesus eben nicht ganz weit weg, sondern er ist hier, bei uns, mit seiner Kraft. - Allerdings, wir sehen ihn nicht so wie die Jünger ihn damals gesehen haben. Wir hören ihn nicht, wie wir andere Menschen hören. Wir können auch nicht mit ihm reden, wie wir miteinander reden. Aber wir sollen, so hat es Jesus damals verheißen, seine Kraft spüren. Mitten in unserem Leben. Mitten in unserem Alltag. Mitten in unseren Fragen und Zweifeln und Sorgen. Mitten in den Herausforderungen der jeweiligen Lebensphasen. Im Grunde genommen haben wir zwei Möglichkeiten. Wir können entweder sagen: Pappalapapp. Dieses Versprechen Jesu ist für mich uninteressant. Oder wir können sagen: Lass uns doch mal gespannt sein, ob und wie sich die Kraft Jesu in unserem Leben zeigt. Die Jünger damals sind mit dieser Offenheit nach Jerusalem zurückgekehrt und haben Erstaunliches erleben dürfen. Warum nicht auch wir? Amen.


VON: HARTMUT GÖRLER (APOSTELGESCHICHTE 1,1FF)





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Stand:  18.04.2010 21:58