Predigtarchiv

Von Gebetsenttäuschungen und Gebetserhörungen
vom 11.05.12, 10:12    Rubrik: Predigten

Klein Fritzchen hat es sich in den Kopf gesetzt. Er will ein neues Fahrrad. Ein silbernes. Mit einem Sportlenker. Und 21 Gängen. Und mit breiten Reifen. Und mit einem italienischen Sattel, damit der Po nicht so weh tut beim Fahren. Also geht Klein Fritzchen zur Mutter. „Ich will ein neues Fahrrad. Ein silbernes mit Sportlenker..“ Fritzchen will gerade seine lange Wunschliste entfalten, da merkt er, dass seine Mutter gar nicht reagiert. „Hallo Mama, ich will ein neues Rad“. Nichts passiert. „Na, vielleicht versuche ich es mal anders“, denkt sich Fritzchen. „Geliebte Mama, die beste Mutter aller besten Mütter, könntest du mir bitte, bitte, bitte, ein Fahrrad besorgen?“ Immerhin erhält Fritzchen jetzt eine Reaktion. „Ein Fahrrad? Warum denn ein Fahrrad? Du hast noch eins, das funktioniert. Nein, jetzt bekommst du kein neues Fahrrad!“ Klein Fritzchen ist verärgert. Er rennt in sein Zimmer, knallt die Tür, schließt sie hinter sich ab. Mit dieser bösen Mama will er nie mehr etwas zu tun haben.


Nun, ich gebe zu, diese Geschichte ist etwas übertrieben. Und doch machen wir immer wieder die Erfahrung, dass bestimmte Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Bei Kindern, bei Jugendlichen, bei uns Erwachsenen. Allerdings verändern sich natürlich mit dem Alter die Wünsche. Ist es anfangs ein Eis oder Schokolade oder der Wunsch, doch diese eine bestimmte Fernsehsendung sehen zu dürfen, ist es dann später der Laptop, das I-Pad oder der Partybesuch nach 22.00 Uhr. Und noch mal später ist es vielleicht der Traumjob, den wir nicht kriegen, das Auto, das wir uns nicht leisten können, der Urlaub, der uns nicht genehmigt wird. Immer wieder machen wir die Erfahrung, dass sich Wünsche in unserem Leben nicht erfüllen.


Auch im Bezug auf Gott. Da ist vielleicht ein 10jähriger Junge, der darum betet, dass seine 95jährige Oma wieder gesund wird. Er betet und betet, und es passiert nichts. Oder eine Jugendliche. Eigentlich betet sie nicht gar nicht. Aber die Mathearbeit, die liegt ihr doch im Magen. Sie betet und bittet Gott, dass sie doch mindestens eine vier schreibt, möglichst besser. Sie betet und verhaut trotzdem die Arbeit.

Oder eine Frau mitten im Beruf. Sie betet, dass ihr Chef doch endlich bessere Laune bekommt und nicht immer so rumnörgelt. Sie betet einmal. Sie betet zweimal. Dann hört sie damit auf. Denn ihr Chef nörgelt immer noch.


Beten ist, wenn wir ehrlich sind, oft keine Erfolgsgeschichte. Meinen wir zumindest. Beten ist so manches mal mit einer Enttäuschung verbunden. Das ist zumindest unser Gefühl. Wir beten, aber es passiert nichts. Deshalb hören wir ganz schnell auf mit dem Beten. Wir reagieren wir Klein Fritzchen und kommen zu dem Schluss: Was für ein doofer Gott. Oder noch umfassender: Es gibt keinen Gott.


Oh, Mann, wir sind fürchterlich ungeduldig mit Gott. Ich weiß gar nicht, wo das her kommt. Wir hören doch auch nicht auf, die Tabletten zu nehmen, wenn nach den ersten beiden das Magengeschwür noch nicht weg ist.


Und trotzdem, wir Menschen neigen dazu. Wir haben irgendwie die Vorstellung, dass Gott wie ein Kaffeeautomat ist. Wir stecken oben unsere Münze mit Namen Gebet rein und unten kommt der Kaffee raus, mit Sahnehaube und Zucker und auch schon umgerührt, und nicht zu heiß, damit wir uns nicht die Lippen verbrennen.


Demgegenüber aber steht immer noch die Zusage Gottes: Bittet so wird euch gegeben. Suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan. Aber Gott hat nirgendwo in der Bibel verheißen, dass sofort nach unserem Gebet ein Gewitter losgeht, für alle sichtbar und hörbar und spürbar.


Der alte Prophet Elia wollte auch Gott hören und sehen und spüren. Er ging zum Berg Horeb, wo er Gott vermutete. Er versteckte sich in einer Höhle und wartete ab, was passieren würde. Hey, Gott, ich will dich sehen. Ich will mit dir reden. Zeig dich.


Da kam ein gewaltiger Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, aber Gott war nicht im Wind.


Nach dem Wind kam ein Erdbeben. Aber Gott war nicht im Erdbeben.


Nach dem Erdbeben kam ein Feuer. Aber Gott war nicht im Feuer.


Und nach dem Feuer kam ein stilles, kaum wahrnehmbares Lüftchen. Ein Hauch. Fast nichts. Und Elia spürte: jetzt kommt Gott.


Vielleicht liegt es an unserer Erwartungshaltung, dass wir den Eindruck haben, Gott erhört unser Gebet nicht. Wir beten um irgendetwas und meinen, Gott müsse hier und jetzt sozusagen auf den Tisch hauen und unsere Bitte regeln. Wir beten und erwarten sozusagen ein Erdbeben, einen Sturm, ein Feuer, eine Antwort, die glasklar ist und zumindest wir ganz deutlich erleben.


Aber Gott haut in der Regel nicht auf den Tisch. Er handelt nicht wie ein Holzfäller. Er tritt in der Regel nicht wie ein Erdbeben auf. Auch das kann. Aber meistens, meistens ist Gott ganz leise, ganz zart, ganz vorsichtig, ganz fein. Wir beten. Wir bitten um irgendetwas. Gott hört genau hin. Gott hört genau zu. Und er fängt an, im Hintergrund und im Verborgenen ganz leise feine Fäden zu knüpfen.


Ich glaube zutiefst, dass es keine Gebete gibt, die ungehört bleiben. Alle unsere Gebete kommen in Gottes Ohr. Über alle unsere Gebete denkt er nach. Alle unsere Gebete berühren ihn, setzen ihn in Bewegung. Und noch während wir beten, fängt Gott an, ganz leise, feine Fäden zu spannen. Allerdings, allerdings hat Gott mehr Überblick als wir. Allerdings weiß Gott besser als wir, was wir brauchen. Von daher kann es sein, dass am Ende nicht jener Kaffee unten rauskommt mit Sahnehaube und zwei Löffeln Zucker, sondern etwas Anderes, Besseres, Sinnvolleres.


Ich komme noch mal zurück auf Klein Fritzchen. Die Geschichte, die ich erzählt habe, habe ich natürlich aus der Sicht von Fritzchen erzählt. Er will ein Fahrrad, und zwar sofort. Dass aber vielleicht seine Mutter diese Idee bereits gedanklich aufgegriffen hat, weiß er nicht. Er weiß nicht, dass seine Mutter ihm ein Fahrrad zu Weihnachten zu schenken, vielleicht nicht das, was er sich im Moment wünscht, sondern eins, das den Ansprüchen der Fahrradfreizeit im nächsten Jahr entspricht, von dem Fritzchen noch gar nichts weiß. Fritzchen bockt und ist stinkig auf seine Mutter, dabei spannt sie im Hintergrund schon leise feine Fäden.


Übrigens ein anderer Grund, warum wir oft meinen, dass Gott unsere Gebete nicht erhört, ist unsere Vergesslichkeit. Da betet jene Frau, dass ihr Chef eine bessere Laune bekommt, und es passiert scheinbar nichts. Aber nach 6 Monaten, nach 8 Monaten entspannt sich die Lage im Büro. Aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht geht es dem Chef besser. Vielleicht kann jene Frau mit mehr Gelassenheit den Wutausbrüchen ihres Chefs begegnen. Nur, das Problem ist, jene Frau hat ganz vergessen, dass sie vor Monaten mal Gott darum gebeten hat. Und so kann sie gar nicht wahrnehmen, dass Gott auf ihre Gebete reagiert hat. Ob Klein Frizchen zu Weihnachten noch weiß, dass er sich im Sommer so heftig jenes Fahrrad gewünscht hat?


Ich möchte euch gerne ein Geschichte erzählen, meine Geschichte, warum mir, bis heute, Gebet wichtig ist. Ich habe drei ältere Geschwister, von denen einer an Epilepsie erkrankt ist. Das war für mich als kleiner Junge zu Hause immer sehr belastend. Wenn mein Bruder nachts oder auch tagsüber einen Anfall erlitt und unkoordiniert seine Arme um sich schmiss. Und für meine Eltern war das sicherlich noch schwieriger als für mich. Jeden Morgen setzten die beiden sich zusammen und beten. Sie baten Gott um Heilung. Um Gesundheit für meinen Bruder. Sie haben tagelang gebetet, wochenlang, jahrelang, jahrzehntelang. Und es passierte, sagen wir mal, nicht viel. Irgendwann ging ich zu ihnen und sagte: jetzt betet ihr schon so lange und Gott hat euch immer noch nicht erhört. Aber sie antworteten mir: Gott weiß schon, was er tut. Mittlerweile ist mein Bruder über 50. Vor ein paar Jahren hat er den Führerschein gemacht, hat jetzt ein eigenes Auto. Seit vielen Jahren ist er krampffrei, geht ganz normal seinen beruflichen Weg wie seine Kollegen. Gott hat einfach damals schon als ich noch ein kleiner Junge war ganz leise und fein seine Fäden gespannt.


Von daher findet ich das Thema des heutigen punkt11s sehr passend. P.u.s.h., pray until something happens. Bete, bis irgendetwas passiert. Bete, und vertraue darauf, dass Gott deine Gebete hört.

Vertraue darauf, dass er darauf reagiert.

Rechne damit, dass er anfängt, kleine, feine Fäden zu spannen.

Bitte solange, bis irgendetwas passiert und sei selber gespannt daraus,

was aus deinen Bitten wird. Amen.





VON: HARTMUT GÖRLER





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Stand:  18.04.2010 21:58