Predigtarchiv

Zerbrochene Eierschalen - Boten des Lebens
vom 08.04.12, 08:00    Rubrik: Predigten

Bald ist es wieder so weit. Dann werden achtsame Spaziergänger unter großen Bäumen oder unter dichten Hecken leere Eierschalen finden. Wer sich auskennt, kann sogar sagen, von welchem Vogel die Eierschalen sind. Vielleicht von einer Kohlmeise. Vielleicht von einer Taube. Vielleicht von einer Amsel. Jene Eierschalen sind untrügliche Zeichen, dass emsige Vögel irgendwo ein Nest gebaut und Eier gelegt haben. Mehr noch. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass das Vogelpärchen auch die Eier gebrütet und die Vogelküken zum Schlüpfen bewegt hat. Jetzt hocken sie irgendwo, die kleinen Nesthocker oder Nestflüchter. Sie wollen aufbrechen ins Leben. Sie wollen fliegen. Sie wollen die Welt entdecken und im nächsten Jahr selber ihre Nester bauen. Zerbrochene Eierschalen. So manche Naturliebhaber heben sie sogar zärtlich auf, legen sie in ihre Hand und freuen sich am neuen Leben. Mancherorts werden solche Eierschalen übrigens sogar ins Osternest gelegt als sinnhafte Dekoration und als Zeichen der Auferstehung.

Es ist interessant. Mit solchen zerbrochenen Eierschalen verbinden wir in positiver Weise neues Leben. Aber mit dem zerbrochenen menschlichen Leben, mit dem, was von uns Menschen übrig bleibt, wenn wir einmal sterben, verbinden wir in der Regel nur Negatives: Tod und Vergehen, Verblühen und Verwelken, Trauer, Schmerz, endgültige Trennung.

Aber was wird eigentlich aus uns, wenn wir einmal sterben?

Was ist aus unseren Angehörigen geworden, die wir irgendwann einmal, vielleicht sogar hier auf diesem Friedhof, beigesetzt haben? Nur Vergehen und Verwesen? Nur Verwelken und Verblühen? Nur Asche und Staub?

Es ist eine uralte Frage der Menschen, was eigentlich bleibt, wenn wir sterben, und was kommen wird, wenn wir vergehen.

Auch in der Gemeinde von Korinth wurde damals heftig darüber diskutiert. So kontrovers, dass der große Paulus sich damals veranlasst fühlte, diese Frage in einem Brief zu beantworten. Er versuchte mit folgenden Worten, eine recht bildhafte Antwort zu geben:

Es könnte jemand fragen: wie werden die Toten auferstehen und mit was für einem Leib werden sie kommen? Ich sage euch: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern bloß das Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem. Gott gibt ihm einen Leib, wie er will, einem jeden Samen seinen eigenen Leib. Es gibt also himmlische Körper und irdische Körper, und die himmlischen Körper haben eine andere Herrlichkeit als die irdischen Körper. Es verhält es sich also mit der Auferstehung von den Toten. Es wird gesät verweslich und auferstanden unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und auferstehen in Kraft. Es wird gesät in ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Denn Christus ist auferstanden, und mit ihm und durch ihn und in ihm werden auch wir auferstehen.

Wir feiern heute morgen hier mitten auf einem Friedhof Gottesdienst. Hier wurden über Jahrzehnte unsere Verstorbenen beigesetzt bzw. das, was von ihnen nach ihrem Tod übrig geblieben ist Die einen als Leichnam in einem Sarg, andere als Asche in einer Urne. Beides, Sarg und Asche, haben nur das eine Schicksal, nämlich zu verwesen und vergehen. Irgendwann ist nichts mehr davon da. Zurück bleiben nur die verwitterten Grabsteine mit den tief eingravierten Namen der Verstorbenen, und auch die werden irgendwann einmal weggeräumt. Ist das die Perspektive unseres Lebens? Dass wir einmal sterben und einfach verschwinden? Dass nichts mehr von uns übrig bleibt?

Biologisch gesehen ja. Paulus würde sagen: irdisch gesehen, ja. Wir müssen sterben, vergehen, verwelken, zu Staub werden. Wie jene zerbrochenen Eierschalen, die bald schon nach dem nächsten Regen und spätestens mit dem ersten Frost in Kalkstaub zerfallen und vom Winde verweht werden. Und um uns dieser Endlichkeit zu stellen, werfen wir in unserer Kultur bei einer Beisetzung dreimal Erde in das offene Grab: Erde zu Erde. Asche zu Asche. Und Staub zu Staub.

Und dennoch. Dennoch gilt: weil wir an Gott glauben, den Schöpfer des Himmels und der Erden, weil wir an den Gott glauben, der aus Staub Leben schaffen kann, weil wir an Jesus Christus glauben, den Auferstandenen, weil wir Ostern feiern und uns damit zum Leben bekennen, deshalb, deshalb dürfen und sollen und können wir glauben, dass unsere vergänglichen Leiber wie Eierschalen sind. Sie bleiben zurück, ja. Ihr Schicksal ist es, zu verwesen und zu vergehen. Ja. Aber sie sind gleichzeitig Zeugen des neuen Lebens. Sie sind Boten der Auferstehung Jesu. Sie erzählen davon, dass wir einen neuen, himmlischen Körper bekommen und wie Vögel, zum Himmel fliegen dürfen.

Und wenn wir anfangen, das zu glauben, verändert sich auch unser Blick für unser Leben und für unseren Alltag. Denn dann spüren wir: die Kraft Gottes, Leben zu wecken und Leben zu schenken, ist größer als die vielen unterschiedliche Kräfte, die uns das Leben mühsam machen und uns die Freude und die Kraft rauben. Der Schöpferwille Gottes ist stärker als die Krankheiten, die uns Nerven kosten, stärker als der Streit, der uns zu Boden wirft. Der Schöpferwille Gottes ist stärker als alle Enttäuschungen und als inneren Verletzungen, die wir tief in uns tragen. Und die Kraft der Auferstehung Jesu ist sogar stärker als der Tod. Wir Menschen sind Vorboten dieser Auferstehung. Wie Eier, die noch nicht ausgebrütet sind, sind wir. Noch leben wir in einem Körper, der für Schmerz und Leid anfällig ist. Aber in uns steckt schon das neue Leben, das ewige Leben, das himmlische Leben. Noch haben wir einen irdischen Körper. Aber irgendwann, spätestens nach unserem Tod, wird aus uns das neue Leben herausbrechen. Der Himmel ist unsere Perspektive, ein Zusammentreffen mit Gott, ein Eintauchen in seine Liebe, in seine Gerechtigkeit, in seinen Frieden.Denn Christus ist auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind, und wir, wir dürfen ihm folgen.

Von daher: lasst uns schon heute Boten des Lebens sein. Öffnen wir doch die Augen für die zerbrochenen Eierschalen auf unserem Weg. Lasst uns fröhlich die Hoffnung leben, die Gott in uns hineingelegt hat. Halleluja. Amen.




VON: HARTMUT GÖRLER (1. KORINTHER 15,35FF)





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Stand:  18.04.2010 21:58